Weise Worte aus Ghana

Häufig wird mir die Frage gestellt, warum über meinem Blog „Now is the hour“ steht. Und warum ich die Rubriken meiner Webseite mit meinen Skizzen ghanaischer Mammy Lorries und ihren Sprüchen schmücke. Das ist ganz einfach zu erklären. Und natürlich hat es mit den 22 Jahren meines Lebens in Ghana zu tun. Nicht umsonst habe ich meine Homepage „Mein Ghana und mehr“ benannt. Dieser Blog Beitrag beinhaltet einige der – nun schon leider fast verschwundenen – Sprichwörter auf den alten ghanaischen Kleinlastern, vor Ort auch bekannt als „Trotros“ oder „Mammy Lorrys“. Es gibt eine Vielzahl dieser afrikanischen Weisheiten. Und eine Reihe sehr lesenswerter Bücher sind darüber geschrieben worden. Das mir liebste ist „Die Welt ist Wind“ von Janheinz Jahn, das 1962 im Ehrenwert Verlag in München erschienen ist, als ich schon das zweite Jahr in Ghana gearbeitet habe. Er beschreibt sein Buch als „afrikanische Pointen“. Mit den ghanaischen möchte ich eine Brücke zu den Geschehnissen in die heutige Zeit schlagen. Dann können wir sehen, dass die hier beschriebenen weisen Worte auch bei uns ihre Gültigkeit haben.

Die Sprichworte auf den Lastern sind knapp. Sie bestehen häufig aus nur drei Worten. Sie sind poetisch und spiegeln die Lebenserfahrungen der Eigentümer wider. „Die Welt ist Wind: bläst und vergeht“ kommt von den Bambara, einem westafrikanischen Volk. „Sea never dry“ („Das Meer trocknet nie aus“) kommt aus Ghana. So auch „Now is the hour“ („Jetzt schlägt die Stunde“). Diese vier Worte lassen sich auch sehr gut umschreibend übersetzen: „Jetzt kommt es darauf an“; „Jetzt muss es geschehen“; „Jetzt ist es an der Zeit“. Nichts soll auf die lange Bank geschoben werden! Ich habe diesen Spruch für meinen Blog gewählt, weil mir als alter Mensch nicht mehr viel Zeit bleiben wird im Leben. Jetzt muss ich das, was ich immer schon tun wollte in Angriff nehmen. Jetzt will ich Stellung nehmen zu Ereignissen, die mich berühren und die ich auf Grund meiner eigenen Lebenserfahrungen beurteilen oder auch verurteilen kann. Jetzt möchte ich Alltägliches beschreiben, um damit zu vermitteln, dass auch unscheinbare Blumen zu einem schönen Strauß gebunden werden können. Und wenn ich damit auch nur wenige Menschen erreiche, macht mich das doch froh und dankbar für die Freiheit der Meinungsäußerung in unserem Land. Amerikanische NSA-„Mitleser“ sind herzlich eingeladen, sich die ghanaischen (und afrikanischen) Weisheiten und andere Gedanken von mir in diesem Zusammenhang hinter den Spiegel zu stecken.

„Money rules all“: „Geld regiert die Welt“. Das wissen wir. Mit den Geldgierigen haben wir es ja auch bei uns zu tun. Solange unsere Regierenden nicht in der Lage sind, die Schlupflöcher zu stopfen, durch die der Geldfluss von Steuerbetrügern (Hoeness, Schwarzer & Co. lassen grüßen!) in die dafür geschaffenen „Oasen“ im Ausland läuft, anstatt in die eigene Staatskasse, solange werden unsere vielen Superreichen immer reicher und der brav Steuern zahlende ehrliche Bürger immer ärmer. Von den Zockern in den Führungsetagen mancher Banken und Hedgefonds ganz zu schweigen. Denen ist anscheinend nicht beizukommen. Vielleicht will man das ja auch gar nicht. „Bloß keine staatlichen Kontrollen“ wird da gleich gejammert. So ist nicht nur für den Ghanaer „Life is war“ grundsätzlich wahr („das Leben ist ein fortwährender Kampf“), sondern auch für sehr viele Menschen hierzulande!

Der „Rock of Ages“, das „Urgestein“, steht für Festigkeit, Beständigkeit und Zuverlässigkeit. Es ist sehr schade, dass diese Losung auf den alten Trotros in Ghana für den Personen- und Gütertransport nicht mehr für die in der Zwischenzeit meistens mit japanischen „Sechzehnsitzern“ ersetzten Kleinlaster gilt. Die ehemals vor Ort aus festem Tropenholz gebauten und auf importierten Chassis (Bedford, Morris, auch Mercedes) montierten Transporter sind zum großen Teil in der Zwischenzeit aus dem Verkehr gezogen worden. In die modernen Kleintransporter oder Busse werden oft mehr als die zugelassene Anzahl von Passagieren mit ihrem Gepäck hineingequetscht, damit der „Rubel“ (in Ghana der Cedi) rollt, weswegen sie im dortigen Volksmund „Kill 20“ (20 kommen um…) getauft wurden, weil es bei Unfällen häufig so viele Tote gibt. Ob das allerdings heute noch so ist, weiß ich nicht. „Death of mother is the end of family“: „Der Tod der Mutter bedeutet das Ende der Familie“. Wie wahr! Die Auswirkungen auf die Großfamilien in der matriarchalischen Gesellschaftsstruktur verschiedener ghanaischer Ethnien sind immer besonders spürbar. Es sind die Mütter, die die Familien zusammenhalten. Das trifft in großem Maße auch auf unsere Gesellschaft zu.

Viele der Sprichwörter auf den Lastern beziehen sich auf die Gott-Mensch Beziehung: „Gods time is the best“ – „Gottes Zeit ist die beste“. Der gläubige Christ begibt sich in Gottes Hand. Gott wird in Seiner Zeit helfen und alles richten, beistehen und behüten. „New king – new law“. Auch das kennen wir: „Neuer König – neue Gesetze“. Ein Hoch auf unsere Demokratie! Wir haben es in unserer Regierung mit Koalitionen und Oppositionen zu tun. Und zum Regieren werden Verträge abgeschlossen, wobei natürlich jeder Politiker für seine Partei versucht die meisten Versprechungen, die dem Wählervolk vor Wahlen gemacht wurden, einzulösen. Nicht immer zum Wohle der ganzen Gesellschaft. Diäten werden gerne erhöht, Transparenz bei manchen Entscheidungen (auch über das Offenlegen von Abgeordnetenverdiensten bestehend aus Gehältern und zusätzlichen Einnahmen als Aufsichtsräte, Vortragende usw.) ist oft Mangelware. Ach ja, „People will talk of you“ – „Leute reden (immer) über dich“ – kein Mensch (und allen voran Politiker) sollte das je vergessen und sich besser immer so verhalten, als gäbe es nur lobenswerte Dinge über ihn/sie zu reden…Das dürfte allerdings wohl auch in unserer Gesellschaft Wunschdenken bleiben. Auf dem gleichen Lastwagen, auf dem ich diesen Spruch gefunden habe steht ist auch noch ein anderes Sprichwort geschrieben: „ Good name is better than riches“: „Ein guter Name ist besser als (alle) Reichtümer“. Das gilt überall. Doch wie lange hat es gedauert bis ein Papst der katholischen Kirche es gewagt hat Mafiosi in der italienischen Gesellschaft beim Namen zu nennen und zu exkommunizieren? Wie lange wird es in Europa dauern, bis zockende Banker in Zaum gelegt werden?

„Who knows tomorrow?“. Wer weiß schon, was morgen auf uns zukommt. Mit Sicherheit trotz aller möglichen Prognosen und „in die Zukunft blicken“ niemand! Wir wissen nicht, was morgen passiert und sollten uns deshalb eher mit dem auseinandersetzen, was heute geschieht. Da nützen auch alle Weissagungen nichts mit Hilfe von Befragungen, Karten, Pendeln, usw. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist meine Mutter zu einer Weissagerin gegangen, um heraus zu finden, ob mein Vater noch lebt. Den hatten die Russen mitgenommen, obwohl er weder Soldat noch im „Volkssturm“ war. Die Dame lag total falsch mit ihrer Voraussage aus ihren Karten. Sie hatte eine lange Kriegsgefangenschaft orakelt. Mein Vater stand jedoch (glücklicherweise) ein halbes Jahr nach Kriegsende wieder vor unserer Wohnungstür und war zurückgekehrt. Sehr abgemagert und geschwächt, unrasiert und nach Entlausungspulver duftend, aber mehr oder weniger unversehrt. „Poor no friend“: „Ohne Freund ist man arm dran“. Das stimmt in jeder Hinsicht. Aber es müssen richtige Freunde sein. Denn ein anderes Sprichwort sagt – „Beware of friends“ („Hüte dich vor Freunden“). Es warnt vor solchen Schlawinern, die sich anbiedern, ewige Freundschaft versprechen und dich dann ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. „Beggar has no choice“: „Ein Bettler hat keine Wahl“. Das ist wahr. Er muss dankbar sein für die erhaltenen Almosen. Wenn das Betteln jedoch zum organisierten Geschäft wird, in dem der „Patron“ das meiste des erbettelten Geldes abschöpft, dann kann es gefährlich und vor allem unmenschlich werden, vor allem, wenn Kinder involviert sind. In Einkaufszeiten auf unseren Märkten oder Stadtfesten verfolgen einen abgewiesene bettelnde Kinder manchmal penetrant. Dann heißt es Taschen festhalten. Diese organisierten Gruppen kommen aus einigen Balkanländern. Mit bettelnden Punks (und ihren Hunden) bin ich andererseits oft ins Gespräch gekommen. Die meisten von ihnen sind arbeitslos, leben von Hartz IV, kümmern sich liebevoll um ihre Vierbeiner und freuen sich über etwas Geld und mitfühlende Worte.

I see the man but I don't know the party

I see the man but I don’t know the party

Sehr interessant ist ein besonderes Sprichwort: „I see the man, but I don’t know the party“. Das ist auch für mich schwierig sinnvoll zu übersetzen. Umschreiben würde ich die Worte mit: „Ich kenne die Person, weiß aber nicht woher sie kommt“. Mit „party“ könnte hier die Familiengruppe, also die Herkunft gemeint sein. Die ist für einen Afrikaner von ganz besonderer Bedeutung und wird auch bei vielen Ethnien in Ghana im immer noch gepflegten Ahnenkult ausgedrückt. Auf der anderen Seite kann „party“ auch die politische Orientierung oder eben Parteizugehörigkeit einer Person bedeuten. Auf Politik bezogen fallen mir da schlagartig Parallelen zu neu gegründeten Parteien bei uns ein, die ohne realistisches und zukunftsorientiertes Parteiprogramm kommen und gehen oder ein Dasein am Rande des wirklichen Geschehens führen. Von manchen Parteigründern fallen mir außerdem schon nach kurzer Zeit die Namen nicht mehr ein. Man mag von ihnen gehört haben, kennt aber ihre Partei nicht.

Take care of

Take care of

„Take care of“ bedeutet übersetzt „achtgeben“, „sich um etwas kümmern“, „für etwas sorgen“. Im Schoße einer ghanaischen Großfamilie ist das eine Selbstverständlichkeit. Dass unsere Gesellschaft hierzulande nicht auseinander bricht, haben wir den vielen sich ehrenamtlich engagierten Bürgern in unserem Land zu verdanken, die sich kostenlos für die Gemeinschaft einsetzen und sehr viele der Aufgaben übernehmen und erledigen, für die der Staat keine Kapazitäten aufbringen kann (oder will). Das Sprichwort bezieht sich auch auf die Dinge im Alltag oder Berufsleben, die einem zur Aufbewahrung, Pflege, Reparatur, Wartung, usw. anvertraut wurden. Und da kommt es auf die Bereitschaft jedes Einzelnen an, Verantwortung für das ihm oder ihr Anvertraute zu übernehmen. Und wiederum auf Ghana bezogen möchte ich an dieser Stelle auf ein 2004 erfundenes Kunstprojekt mit dem Namen ADOPTED hinweisen. In einem fiktiven Adoptionsbüro in Accra wird die „gewohnte“ Adoptionssituation umgekehrt: nicht afrikanische Kinder werden an europäische Pateneltern vermittelt, sondern vereinsamte Europäer ohne Familienzusammenhalt an afrikanische Familien. Es gab einen wahren Ansturm europäischer Adoptionswilliger und ghanaischer Patenfamilien. Ein Film wurde darüber gedreht, den die Produzenten als dokumentarische Utopie bezeichnen. Drei Adoptionen wurden realisiert – eben auf der Grundlage von „Take care of“. „Still: it makes me laugh –No time to die“. Da steckt außer Weisheit auch Witz dahinter: „Es ist zum Lachen – Keine Zeit zum Sterben“, wo gibt es denn so etwas? Da muss man doch lachen, oder? Wenn man diesen Spruch deuten möchte, könnte man ihn so interpretieren, dass der Eigentümer der Laster, der sich diese „Losung“ ausgesucht hat vielleicht voll damit beschäftigt war dafür zu sorgen, dass er von seinen Fahrern und Beifahrern (die für volle Laster sorgen und das Fahrgeld einkassieren) nicht betrogen wird und eben deswegen keine Zeit hat jemals ans Sterben zu denken, geschweige denn, sich damit überhaupt zu befassen. Mir hat das Sprichwort so gut gefallen, dass ich, zusammen mit meinem ghanaischen Kollegen Kojo Kyei ein Buch darüber herausgegeben habe. Übrigens hatte der Laster-Eigentümer damals in den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts mehrere (und gut gepflegte und gewartete) „No time to die“-Trotros auf der Straße. Sie sind mir bei meinen verschiedenen Dienstfahrten quer durch Ghana öfter begegnet!

„Don‘t forget your six feet“ – „Vergiss nicht deine sechs Fuß“. Das bezieht sich auf die Länge eines Sarges (durchschnittlich um oder über 2 Meter lang). Damit kommen wir auch zum Ende meines Beitrages. Das Sprichwort ist der Hinweis darauf, dass der Tod jeden von uns heimsucht. Am Ende des Lebens wird – normalerweise – der oder die Verstorbene in einem Sarg gebettet oder aufgebahrt, damit man von ihm/ihr Abschied nehmen kann. Wie und wo man dann begraben wird, dafür gibt es weltweit verschiedenen Bräuche. In Ghana ist aus der Sargproduktion eine eigene, in der Zwischenzeit über die Landesgrenzen hinaus berühmte Tischlerkunst entstanden mit besonderen, aus speziell dafür geeignetem Tropenholz hergestellten Särgen in Form von Autos, Häusern, Kakaobohnen, Fischen, Vögeln, usw. Also Dinge, mit denen der tote Mensch in seinem Leben eng verbunden war und die ihm in sein Grab begleiten, damit es ihm im Jenseits an Vertrautem nicht fehlen möge. „All shall pass“: „Alles geht vorüber“, damit will ich schließen, denn das ist unser Trost. Nichts bleibt wie es ist, und alles geht vorüber oder wird vergehen.

All shall pass

All shall pass

Magdeburg, 5. Juli 2014

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