Die Shona Bildhauerkunst in Zimbabwe

Zimbabwe ist ein wundervolles Land mit einer einzigartigen Fauna und Flora, fantastischen Landschaften und den berühmten Victoria Fällen. Es ist außerdem mit vielen Natursteinvorkommen gesegnet, deren Steine sich für die Arbeit von Bildhauern eignen.  Die meisten dieser Steine gehören zur Serpentin Familie, die mit dem geologischen Phänomen „Great Dyke“ in Zimbabwe zusammenhängt, und zu den Verditarten (Halbedelsteine). Serpentin ist ein Gestein vulkanischen Ursprungs, ein wasserhaltiges Magnesiumsilikat (mit geringem Eisengehalt, manchmal auch Nickel), das meist aus Olivin entstanden ist. Der relativ hohe Wassergehalt ist wohl auch ein Grund, warum dieses Gestein so oft von den Shona Bildhauern verwendet wird: Wasser bedeutet in ihrem Glauben „Leben“. Mit Trockenheit verbinden sie das Altern und den Tod. Jeder Stein erfordert je nach seinem Härtegrad besondere Techniken bei der Arbeit an ihnen, vom Zipolilo (orangegelber Serpentin) bis hin zum sehr harten Springstone (reiner, schwarzer Serpentin). Die Farbschattierungen der Steine reichen von gelb, braun, über grün bis hin zu schwarz.

Einer der schönsten Steine ist der Verdit. Dieser Halbedelstein wird als der „grüne Stein Afrikas“ bezeichnet und ist seit über 3500 Jahren ein anspruchsvolles Medium für die mit Stein arbeitenden Künstler. Schon in grauer Vorzeit wurden Schmuckgegenstände daraus hergestellt. Medizinmänner verwendeten das aus dem Stein gemahlene Pulver zu Heilzwecken. Dieser seltene und wunderschöne Stein kommt in den verschiedensten Farbschattierungen und Maserungen vor. Die Farbnuancen reichen von goldbraun über tiefes smaragdgrün bis hin zu blau. Verdit kommt nur im südlichen Afrika vor. Die Vorkommen in Zimbabwe sind von unübertrefflicher Qualität. Skulpturen aus diesem Stein sind daher äußerst wertvolle Schätze (Quelle: Mona Arnold, Frankfurt und Galerie „Zimart“). Es gibt noch den Opalstein (hellgrüner Serpentin) und den Chiweshe Stone (dunkelgrüner Serpentin), beide  aus der Gegend um Chiweshe nördlich von Harare. Auch mit Kalk- und Sandstein wird gearbeitet.

Vortrag zur Eröffnung der Shona Skulpturen Ausstellung im Palmengarten in Frankfurt am Main am 7. April 1994

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Architektin für die GTZ stand ich vor 10 Jahren zum ersten Mal in der National Gallery von Zimbabwe in Harare vor beeindruckenden Figuren aus Stein. Diese erste Begegnung hinterließ einen sehr tiefen Eindruck. In den folgenden Jahren und nach vielen Besuchen im Chapungu Sculpture Park, in Tengenenge (der Sculptor Community), in etablierten und neueren Galerien in Harare ist meine Bewunderung für diejenigen, die diese Steinfiguren schaffen, immer weiter gewachsen. Und damit auch mein Interesse an einer Kunstschöpfung, die in ihrer Breite und Tiefe in einer Nation wohl einzigartig ist in unserer Welt.

Über die Wurzeln dieser afrikanischen Kunst sind viele kluge Bücher geschrieben worden. Die allerersten Anfänge des Arbeitens mit Stein gehen zurück bis ins 14., 15. Jahrhundert im heutigen Zimbabwe. Der Name des Landes sagt es uns in Shona, der Sprache eines der Völker des Landes: „Zimbabwe“ – Haus aus Stein. Die Ruinen von Groß-Zimbabwe bei Masvingo und Kami in der Nähe von Bulawayo bezeugen, dass die Verarbeitung von Stein schon damals von den Einheimischen beherrscht wurde. Die großen Mauern spiegeln perfektes technisches Verständnis und Gefühl für das Material wider. Der Besucher dieser Ausstellung im Frankfurter Palmengarten, zu der ich die Veranstalter beglückwünschen möchte, sollte wissen, dass wir es heute bereits mit der zweiten und heranwachsenden dritten Generation der zimbabwischen Steinbildhauer zu tun haben. Die Bildhauer der Anfangszeit vor ca. 35 Jahren (wie Joram Mariga und John Takawira) hatten einfühlsame und verständnisvolle Mentoren in McEwen (der die National Gallery in Harare ab 1956 leitete) und Tom Blomefield (der das Tengenenge Bildhauer Dorf 1966 gründete). Beide wurden von ihren weißen Landsleuten verachtet für ihre Förderung und Unterstützung einer Kunst, für die es in der damaligen Kolonie Rhodesien wenig oder gar kein Verständnis gab, weil man sich nicht mit afrikanischer Kultur und Mystik befasste. Welch eine Überheblichkeit!

Nach der Unabhängigkeit trug vor allem die Chapungu Gallery mit Roy Guthrie dazu bei, dass die zimbabwischen Steinbildhauer mit ausgewählten Werken über die Landesgrenzen hinaus weltweite Anerkennung erhielten. So sprechen die großartigen Skulpturen von Henry Munyaradzi, Bernard Matemera, Sylvester Mubayi, John Takawira, Nicholas Mukomberanwa, Tapfuma Gutsa und Bernard Takawira zu uns aus der Zeit des „Aufbruchs“. Neue Namen kommen fast täglich hinzu mit neuen, ausdrucksvollen Werken: Zinyeka, Karise, Rosani, Tauzeni, Mamvura, Sanyo, Marime, und viele mehr. Die Künstler verbinden ihre Visionen in Stein immer mit dem Erhalt ihrer Kultur, die durch den Einfluss westlichen Denkens in ihrer eigenen Gesellschaft bedroht ist. Dabei müssen sie täglich kämpfen gegen das Kopieren ihrer Werke für den billigen Touristenmarkt. Umso andächtiger sollten wir vor jeder einzelnen dieser hier gezeigten Skulpturen aus Stein stehen und unsere Seele von ihnen berühren lassen. Ich möchte mit den Worten von Joram Mariga enden, der einmal sagte: „Skulpturen sind Lebewesen, die für ewig sehen und denken können“.

Vortrag zur Vernissage der Ausstellung von Skulpturen der zimbawischen Bildhauerin Chipo Musandi in der Sparkasse von Sebnitz am 23. August 2004

Wenn man bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück geht, kann man das Entstehen einer Kunstrichtung im damaligen Südrhodesien miterleben, die in kurzer Zeit fast unglaubliches Erstaunen ausgelöst und in der Zwischenzeit längst Weltgeltung erreicht hat. Ich spreche von der plastischen Kunst der Shona, einer Bevölkerungsgruppe Zimbabwes.

Wenn oft darauf hingewiesen wurde, dass, im Gegensatz zu vielen westafrikanischen Ländern bis zu der Zeit in Zimbabwe keine bestehende Kultur plastischer Kunst existierte, stimmt das nicht. Im 12. bis in das 16. Jahrhundert entstanden im heutigen Zentral und nordwestlichen Zimbabwe Siedlungskomplexe, zumeist königliche Wohnstätten, die von den damaligen Einheimischen gebaut wurden aus fast künstlerisch bearbeiteten Natursteinen, mit im Trockenverband verlegten riesigen Mauern. Sie gaben dem Land den heutigen Namen „Zimbabwe“ (Haus aus Stein). Zeugnisse dieser architektonischen und handwerklichen Meisterleistungen sind vor allem in Great Zimbabwe zu bestaunen. Dort wurden auch große Vogelskulpturen gefunden, die den Bateleur Adler, oder Gaukler darstellen. Der Bateleur, in der Shona Sprache „chapungu“, ist der hochverehrte geistige Bote zu den Ahnen und deren Fürsprecher. Der „Zimbabwe Vogel“ ziert heute die Staatsflagge des Landes.

Die Shona besaßen also schon in der damaligen Zeit die Kunstfertigkeit für die Steinbildhauerei. Wiedererweckt wurde dieses über die Jahrhunderte schlummernde Können 1958 durch Joram Mariga, ein landwirtschaftlicher Berater, der eine Figur aus einem gefundenen Speckstein schnitzte , die er dem damaligen Direktor der Nationalgalerie in Salisbury, der Hauptstadt der britischen Kolonie Südrhodesien, Frank McEwen, vorlegte. Der hatte zum Anfang seiner Tätigkeit etwas zu der Zeit Unerhörtes getan. Er hatte in der Nationalgalerie in Salisbury (heute Harare) eine Werkstatt mit Schule eröffnet, um Afrikaner zum Malen zu ermuntern. Er erkannte sofort das künstlerische Potential von Mariga, der dann an der Nationalgalerie zum Lehrer ganzer Generationen von zimbabwischen Bildhauern wurde, darunter auch den beiden „Großen“, John und Bernard Takawira. Nachdem der südafrikanische Großbauer Tim Blomefield sich auf seiner Tabakfarm in Tengenenge als Bildhauer betätigte während der Zeit des internationalen Wirtschaftsboykotts gegen das damalige Südrhodesien nach der „Unilateral Declaration of Independence (UDI)“ von Ian Smith, begannen seine Arbeiter mitzumachen. Darunter Lemon Moses. Blomefield erkannte das unglaubliche Talent von Moses und vielen anderen seiner Arbeiter. Das war der Anfang der „Künstlerkolonie Tengenenge“. Die brachte in den folgenden Jahrzehnten die erste Generation zimbabwischer Steinbildhauer hervor – Henry Munyaradzi, Fanizani Akuda, Bernard Matemera, Edward Chiwawa und viele andere. Auch einige Missionen erkannten in dieser Zeit die Begabung ihrer Gemeindemitglieder. Die drei Missionen Serima (in der Nähe von Masvingo), Cyrene (im Matabeleland) und Dreifontein (in der Nähe von Mvuma) unterstützten talentierte Künstler. Viele Galerien entstanden, darunter die Chapungu Galerie (Chapungu Sculpture Park), durch deren Förderung der Steinbildhauer die Kunstwerke bald internationale Anerkennung erhielten. Die Skulpturen sind von unbeschreiblicher Schönheit und von einer einmaligen Ausdruckskraft. Es bleibt zu wünschen, dass diese einzigartige zimbabwische Kunst sich trotz der gegenwärtigen ungünstigen politischen Einflüsse weiter entwickeln kann.

Die heutige Situation:

Der Chapungu Sculpture Park in Zimbabwe existiert noch, sozusagen auf „Sparflamme“. Roy Guthrie, der 1970  die Chapungu Galerie in Harare gegründet hatte, eröffnete 2007 den Chapungu Sculpture Park in den USA, in Loveland, Colorado. Viele der älteren und jüngeren Chapungu Bildhauer aus der zweiten Generation haben in den USA und vielen anderen Ländern Ausstellungen mit ihren einmaligen Werken bestücken können. Sie arbeiten teilweise immer noch unter schwierigsten Bedingungen in ihrer Heimat. Viele von ihnen haben jedoch ihr Land verlassen. Das diktatorische Regime des Robert Mugabe in Zimbabwe nahm auch den Bildhauern im Land die Luft zum Atmen. Das wirtschaftliche Chaos und die große Not der einheimischen Bevölkerung, hervorgerufen durch die Zwangsenteignungen kommerzieller Farmen und den Wertverlust der eigenen Währung nach dem unkontrollierten Drucken von „frischen“ Zim Dollars (das Land hat keine eigene Währung mehr, sondern benutzt seit Jahren den US Dollar!), trugen dazu bei jede künstlerische Tätigkeit zu behindern, einzuschränken, ja zu ersticken. In dieser Zeit, so erscheint es dem Betrachter aus der Ferne, hat Chapungu, der Fürsprecher der Ahnen, Zimbabwe verlassen.

Während meiner letzten Besuche in den Jahren 1993, 1994, 1995 und 1999 pulsierte die Steinbildhauerei in Zimbabwe noch. Interessierte Besucher und Käufer der fantastischen Skulpturen fanden noch ihren Weg nach Chapungu, in die National Gallery und in viele andere private Galerien, unter anderen die Gallery 2000 in der Nähe vom Flughafen in Harare. Diese besuchte auch ich regelmäßig und brachte schöne Erinnerungsstücke mit nach Hause von meinen Reisen. Aber auch diesen wunderschönen Ort mit seinem herrlichen Skulpturengarten gibt es nicht mehr.

Einige Skulpturen der Galerie 2000:

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