Tage zum Genießen, Feiern und Pflegen einer langjährigen Freundschaft mit Nachdenklichem verbunden, im November 2016

Shorty ist 85 Jahre alt geworden. Dazu hatte sie wieder ihre fantastische Großfamilie eingeladen, in die ich einfach als ihre langjährige Freundin und Klassenkameradin (ab dem ersten Oberschuljahr 1942 in Magdeburg) mit integriert worden bin. Um dieses Glück kann man mich wirklich beneiden. Denn eine solch große und intakte Familie mit einem derartigen Zusammenhalt gibt es nicht häufig in unserer Gesellschaft.

Shorty ist klein, daher ihr Spitzname. Große gucken deshalb oft von oben auf sie herab. Mit richtigem Vornamen heißt sie Gisela. So wollen wir sie nun hier auch nennen, damit keiner es wagt, auf sie „von oben“ herab zu blicken. Denn sie ist zwar eine ziemlich kleine Person, aber eine ganz außergewöhnliche Frau. Nach dem frühen Tod ihres Mannes wurde sie eine souveräne Autofahrerin, spielt heute begeistert und gut Gitarre, reitet hoch zu Ross durch die Natur als Ausgleich zum Gärtnern, das sie auch noch regelmäßig betreibt, einschließlich Kartoffeln legen, häufeln und ernten, Obst in leckere Marmelade verwandeln oder einkochen und obendrein in ihrem Gartenparadies ein großes Blumenmeer pflegen. In Englischkursen lernt sie immer noch diese Fremdsprache fließend sprechen. Auch geturnt wird regelmäßig. Fremde Kulturen und Länder interessieren sie sehr. Mit dem Enkel wurde Neuseeland bereist, mehrere Male Irland und Island, wo sie das tolle, einheimische Traben auf den Islandponys lernte. Auch England und Schottland wurden besucht. Mir war sie immer der beste Reisekumpel, den ich je hatte, bis ich keine längeren Reisen mehr unternehmen konnte, vor allem keine Flüge. Sie war es auch, von der ich nach der Wiedervereinigung zu den Plätzen in der ehemaligen DDR geführt worden bin, vor allem in den Harz und an die Ostsee, die ich noch nicht kannte, weil ich ja schon 1955 die DDR verlassen hatte. Sie war mit mir zusammen in Namibia, meinem Sehnsuchtsland. Was haben wir dort alles 2003 bei einer 4.667 km Tour gemeinsam erlebt! Oder bei unseren Reisen durch Jordanien, Marokko, Malta und Mallorca! Auch in den Dolomiten ist sie mit mir auf Bergwandertour gewesen und hat meine Südtiroler Freunde auf der Regensburger Hütte kennengelernt.

In Giselas Garten

In Giselas Garten

Gisela hat im November Geburtstag, in einem Monat, den ich eigentlich hasse. Denn „normalerweise“ verbinde ich mit dem vorletzten Monat im Jahr fieses, nasskaltes Wetter. Und es wird, durch die vermaledeite Zeitumstellung immer viel zu früh dunkel nachmittags und abends, damit es morgens früher hell ist. Damit sollte mal Energie gespart werden, was nur eine Wunschvorstellung der Politiker geblieben ist, die sie durchgesetzt haben. Seit meiner Rückkehr aus Westafrika wollte ich deshalb am liebsten Ende Oktober in einen Winterschlaf versinken, um im Frühjahr zum Blütenduft von Tulpen und Narzissen und den ersten wärmenden Sonnenstrahlen wieder aufzuwachen. Das sind meine Wunschvorstellungen, die bei mir einen Energiestrom hervorrufen würden und nicht wie zurzeit, wo die Kälte uns schon einige Nächte heimgesucht hat, jedwede Energie bei mir langsam aber sicher den Rückzug antritt. Aber zurück zu der Familienfeier zu Giselas Geburtstagsfest.

Die Kinder ihrer Brüder und Schwester gehen auf die Sechzig oder schon mehr Jahre zu. Deren Kinder sind auch schon „volljährig“ und steuern teilweise bereits auf die Dreißig zu. Auch von denen gibt es schon „Kleineres“. Wir Alten reden ja immer noch von „den Kindern“, die inzwischen alle schon große Menschen sind mit ihrem eigenen Durchleben von Höhen und Tiefen des Lebensverlaufs, der bei uns meistens mit altersbedingtem körperlichem Abbau verbunden ist. In Giselas Großfamilie herrscht eine derartig einmalige Verbundenheit und ein so starker Zusammenhalt, dass das Leiden einzelner mit aufgefangen und durch Teilen erleichtert wird.

So haben wir gefeiert. Gisela hat eine Sammelbüchse hingestellt, in der jeder von uns seinen Obolus hinein tun konnte an Stelle von Geschenken oder Blumen. Sie unterstützt mit dem gesammelten Geld verschiedene gemeinnützige Organisationen. Das habe ich in den letzten Jahren auch so getan. Was brauchen wir noch in unserem Alter? Schmuck? Gisela trägt ihre Eheringe und hat auch einige schöne Klunkern, wenn sie irgendwohin ausgeht, wo man nicht  in Jeans auftritt. Ich halte mich da an meinen afrikanischen Schmuck und hänge davon auch mal gern etwas in die durchlöcherten Ohrläppchen. Klamotten zum Ankleiden? Da wird es schon etwas schwieriger. Aber Gisela sagt, sie hätte auch davon schon genug. Ich bin mir nicht so sicher, wie ich da reagieren würde und freue ich mich immer über einen Gutschein, damit ich mir als „Hosenfrau“ mal eine neue Edeljeans mit passendem Blazer oder Ähnliches kaufen kann. Und das reicht dann auch schon. Bücher? Oh ja, die sind nach wie vor für uns beide eine Verführung. Aber auch da hält es Gisela so ähnlich wie ich: „Lesen und gleich weitergeben“ ist die Devise. Und was wird mit den vorhandenen Büchern? Wenn möglich jetzt schon verteilen oder aber festlegen, wer sie erhält. Wir geben ab. Die Buchregale sollten langsam aber sicher leer werden, bevor zum letzten Gebet geblasen wird.

Unser Fest ging nach Kaffee, Tee und Kuchengenüssen weiter mit einem tollen Abendbuffet und am nächsten Tag mit einem herbstlichen Mittagessen im „Dompfaff“, Halles renommierter Familiengaststätte gegenüber vom Dom. Mit Herbstgenüssen: Pilze, Hirsch, Flugente, Feldhase (sicherlich nicht aus deutschen Feldern) usw. Bei aller Tafelei haben wir uns endlos in kleinen Grüppchen oder im größeren Kreis über Gott und die Welt unterhalten. Ich habe mit einem der Brüder von Gisela, der mit mir zusammen das erste Maurerlehrjahr in Magdeburg verbracht hat in Erinnerungen geschwelgt. Das war in den harten Nachkriegsjahren, in denen meine Mutter meine Schwester und mich mit „falscher Wurst“, einem Paps aus Bierhefe, jeder Menge Zwiebeln und Majoran versorgt hat. An den penetranten Geruch dieser „Ersatzwurst“ Herstellung kann ich mich heute noch erinnern, wann immer ich den Duft nach Majoran in die Nase bekomme. Aber wir sind damit groß geworden. Und auf unserer ersten Baustelle, einer Kita am Rande vom ostelbischen Stadtteil Cracau in Magdeburg waren unsere Nachbarn Russen in den sich dort befindenden Kasernen. Und deren arme Wachposten, die manchmal am Zaun mit uns quatschten (wir hatten ja in der Schule Russisch anstatt Englisch gelernt nach dem Krieg) hatten auch nichts Vernünftiges zu essen und waren immer hungrig. Also wurden meine falschen Wurststullen gegen Machorka getauscht, den Tabak, den sie zu großen Zigaretten in Zeitungspapier (am besten war dafür die sowjetische „Prawda“ voller Druckerschwärze geeignet) drehten. Wir haben dann beim Rauchen Hustenanfälle gekriegt, und einigen von uns wurde speiübel, aber wir haben es überlebt und waren danach die besten Freunde unserer „Freunde“.

Bei der Abendtafel im Hotel lag schon etwas Abschiedsstimmung in der Luft. Einige Familienmitglieder wollten bereits am Abend abfahren. Ich bin eigentlich immer sehr vorsichtig mit Wein. Aber der Müller-Thurgau aus dem Saale Unstrut Gebiet war so süffig, dem konnte ich nicht widerstehen und habe dem entsprechend nicht nur einen Blick ins Glas geworfen. Meine Beine fingen ziemlich schnell an zu schwächeln. Ich dachte, wenn ich mit meinem Rolls Royce Rollator viel rumlaufe, wird sich das schon irgendwie verteilen. Na ja, mein Physiotherapeut sorgte gleich nach meiner Rückkehr dafür, dass die Muskeln wieder locker geworden und die Schmerzen fast verschwunden sind. Fazit: Frau verträgt nichts mehr im Alter. Das ist wirklich ätzend, aber wohl leider wahr. Gisela war schlauer, sie hat gar nicht erst tief ins Glas geschaut.

Unser letztes gemeinsames Familienfrühstück am nächsten Tag war nochmal eine große Gesprächsrunde mit allen und jedem. Ich bin eine Nacht länger im Hotel geblieben und konnte so mit Gisela noch viele sonntägliche Stunden verbringen. Es wurde ein wunderschöner Gedankenaustausch zum Abschied. Die Bahnheimfahrt war an einem sehr kalten Tag darauf kurz und schön. Die Sonne schien leider nicht mehr wärmend von einem blauen, wolkenlosen Himmel und hat bei mir die letzten Weinflausen vertrieben. An den Stellen, wo ihre Strahlen die nicht hin reichten, lag dicker weißer Raureif. Nun steuern wir auf den Totensonntag zu. Der Weihnachtsmarkt wird danach in unserer Stadt eröffnet. Weihnachten steht vor der Tür. Für mich kommt mit der Kälte die Zeit ständigen Wehs in den Beinen. Ich will aber in diesem Jahr mit oder auch ohne Hilfe versuchen, den bis in meine Seele hineinreichenden Schmerz einfach zu ignorieren, um ihn ertragen zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*