Glasperlenproduktion in Dabaah

Nachdem ich mein Lehrbuch „Construction Technology for a Tropical Developing Country“ an der Architekturfakultät in Kumasi vorgestellt und die ersten Bücher übergeben hatte, konnte ich mich am 18. März 1983 noch anderen Dingen widmen. Ich traf mich mit einigen meiner ehemaligen Studenten. Außerdem zeigten mir die deutschen Fachkräfte an der Landwirtschaftsfakultät einige ihrer im Department of Agricultural Engineering hergestellten Geräte und Maschinen. Sie hatten eine Ausstellung damit aufgebaut, die von einem Fernsehteam des ghanaischen Fernsehens (Ghana Broadcasting Company – GBC-TV) für einen Dokumentarfilm aufgenommen werden sollten.

Nach dem Mittagessen bin ich mit einem Professor zu seinem Familienhaus in Kumasi gefahren, wo wir den Chairman der „Dabaah Beadmaking Cooperative Society“ abholten und dann mit ihm gemeinsam nach Dabaah gefahren sind. Im Dorf angekommen stellte ich dann den versammelten Ältesten und Dorfvertretern mögliche Hilfsmaßnahmen zur Unterstützung ihrer Genossenschaft vor. Dazu wollte ich nach meiner Rückkehr aus Ghana in der GTZ für die Finanzierung einer mit einem Dieselaggregat angetriebenen Kugelmühle Mittel aus dem GATE-Kleinprojekte Fonds für die Genossenschaft in Dabaah beschaffen. Hier folgt eine Beschreibung der Glasperlenproduktion in Ghana.

Von Europa aus erreichten im 18. Jahrhundert die Glasperlen, die vorwiegend in Venedig und in Böhmen produziert wurden die ganze Welt und wurden vor allem in Afrika zum beliebten Tauschgut. Manche dieser sehr wertvollen Perlen wurden als Schmuck verwendet, den nur bestimmte Personen in einem Stamm tragen durften. Andere wurden zum Zahlungsmittel (Handelsperlen). Für mich sind die venezianischen Millefiori-Mosaikperlen die wertvollsten Glasperlen, deren „Vorläufer“ es seit etwa 1500 v. Chr. in Mesopotamien gab. Diese sogenannten Mosaikperlen wurden ab dem 15. Jahrhundert kunstvoll in Venedig hergestellt. Das Innere der „wurstförmig“ geformten Perlen, die in kleinere Stücke zerschnitten wurden, besteht aus Blumenblüten ähnlichen Mustern („millefiori“ = tausend Blumen). Die Perlen wurden aus zusammengesetzten Glasstangen gefertigt in einer alten, römischen Gusstechnik und dienten vor allem dem Afrikahandel. Es gibt die Millefiori-Perlen in vielen Formen: längliche, gebogene („Ellbogen“), runde, ovale und in unterschiedlichen Größen und Farben.

Die in Dabaah und natürlich auch in anderen Orten in Ghana produzierten Glasperlen werden aus verschiedenen Materialien hergestellt. Es ist ein altes Kunsthandwerk. Jede einzelne Perle ist mit aufwendiger Handarbeit verbunden. In Dabaah wird für die dort gefertigten Perlen Altglas (Flaschen usw.) in verschiedenen Farben verwendet. Die Glasscherben werden im Mörser zu Pulver zerstoßen und getrennt nach Farben sortiert. Vorher werden kleine Tonplatten von etwa 20 bis 25 cm Durchmesser hergestellt. Darin werden die Gussmulden in der gewünschten Perlengröße Form eingedrückt und mit weißem Kaolin ausgepudert, damit das geschmolzene Glas den Ton nicht berühren kann. Das Glaspulver wird ein- oder verschiedenfarbig in Lagen oder Mustern eingefüllt. Danach kommen die so gefüllten Tonscheiben in einen mit Holz befeuerten Lehmofen. Wenn die Glasschmelze noch nicht ganz flüssig ist, werden die Tonscheiben einer Charge aus dem Ofen geholt, damit in jede Perle mit einem kleinen Stäbchen das Loch gebohrt werden kann zum Auffädeln. Nach dem Erkalten werden die nun fertigen Perlen geschliffen.

Bei meinem ersten Besuch 1983 im Heimatort Dabaah eines Professors der Universität in Kumasi, an der ich 7 Jahre lang gelehrt habe, organisierte eine Genossenschaft – die „Dabaah Beadmaking Cooperative Society“ – die Glasperlenproduktion. Sie bestand zu der Zeit aus ungefähr 300 Mitgliedern und Produzenten, meistens immer ganze Familien. Es wurden täglich etwa 400 Ketten (aus je 70 Glasperlen) gefertigt. Das entsprach etwa 6 Ketten pro Hersteller. Die verschiedenen Farbstoffe, die verwendet wurden (Gold, Orange, Blau, Grün und Rot) kamen als Import aus Stoke-on Trent in Großbritannien. In den sehr schwierigen Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs in Ghana wurde gemeinsam mit dem „College of Arts“ und dem „Biological Science Department“ der Universität versucht herauszufinden, ob diese Farben lokal hergestellt werden können. Auch mit dem „Geological Department“ wurde zusammengearbeitet bei dem Versuch lokale Quarze für die Glasperlenproduktion zu verwenden. Inwieweit das realisiert worden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Mit Hilfe von Mitteln aus dem GATE-Kleinprojektefonds wurde eine Kugelmühle beschafft, die das Zerkleinern der Flaschen, bzw. Scherben erheblich erleichterte. Obwohl auch in Ghana der Markt überschwemmt wurde mit billigen chinesischen Glasperlen, konnte sich das Kunstgewerbe der eigenen Glasperlenproduktion in den vergangenen Jahren erholen. Man kauft lieber wieder heimische Perlen. In Dabaah werden die Perlen gut vermarktet, Händler kommen jeden Montag zum Einkauf.

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