Sehnsuchtsland Namibia

Reiseerlebnisse einer Afrikakennerin

Mein Vater hatte während meiner Kindheit häufig von seinem Wunsch gesprochen, einmal in einer der ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika arbeiten zu können. Er war Wasserwirtschaftsingenieur, besaß in seinem immer verschlossenen Bücherschrank, den meine Schwester und ich nie öffnen durften, auch viel Gedrucktes über „Deutsch-Südwestafrika“ und schenkte mir zum sechsten Kriegsweihnachtsfest 1944 ein Buch, das vom Leben einer deutschen Farmerfamilie und ihrer Kinderschar in Südwestafrika handelte. Allerdings war das Land zu der Zeit bereits keine deutsche Kolonie mehr. Es wurde, nachdem Deutschland als Folge des ersten Weltkriegs seine Überseeterritorien verloren hatte, von Südafrika verwaltet. Ich habe in den Tagen nach Weihnachten das „Die Kinderfarm“ von Ernst Ludwig Cramer regelrecht verschlungen und mir dabei immer wieder die Fotos dieser für mich so fremden Welt angesehen. Ich versteckte es in dem Rucksack, den ich seit Beginn der Bombenangriffe immer mit der Schultasche zusammen in den Luftschutzkeller mitnehmen musste, wenn es Fliegeralarm gab. Darin befanden sich die Schulzeugnisse, andere wichtige Papiere, Wäsche zum Wechseln, ein Paar Reserveschuhe und etwas Kleidung.

Die Kinderfarm

Am 16. Januar 1945 zerstörten alliierte Bombengeschwader Magdeburg. Auch unser Zuhause wurde ein Opfer der Flammen. Meine Kindheit fand in diesem höllischen Inferno ein jähes Ende. Mein „Afrika-Buch“ konnte ich jedoch damals retten. In den letzten Kriegsmonaten führten mich Träume häufig in dies schwer vorstellbare, ferne Land, wo es große Wüsten geben sollte, viele wilde Tiere und immer Sonnenschein. Dann allerdings verlor ich das Buch in den Nachkriegswirren. Doch das bunte Bild von Kindern in einem Eselskarren auf dem Bucheinband vergaß ich nie. Durch puren Zufall entdeckte ich „Die Kinderfarm“ in den neunziger Jahren im Katalog eines Buchhandels. Der Fund katapultierte mich zurück in meine Kindheit und zu den mit dieser Geschichte verbundenen Kindheitsträumen von Afrika. Von der Sehnsucht des Vaters beeinflusst, war in mir die „afrikanische Saat“ wohl schon sehr früh gelegt worden. Aufgegangen ist sie 1960 am Ende meiner Studienzeit und nach weiteren Studien- und ersten Arbeitsjahren in London. Ich fand eine Stelle als Architektin im Bauministerium in Accra, der Hauptstadt von Ghana in Westafrika, und später als Dozentin für Baukonstruktion an der Technischen Hochschule in Kumasi. 22 Jahre habe ich in Ghana verbracht – ein ereignisreiches, aufregendes, wohl oft auch gefährliches, aber für mich äußerst bereicherndes Leben, in dem ich sehr viel gelernt habe. Das westafrikanische Land wurde für mich zu einer zweiten Heimat. Ghana prägte mein Bild von Afrika und mein Verständnis für die Menschen dieses Kontinents. Und nach den zweiundzwanzig dort verbrachten Jahren betrachte ich viele Dinge oft eher durch die „afrikanische“ Brille mit einem „deutschen“ Blickwinkel. In Ghana Dort habe ich vor allem eins gelernt, nämlich geduldig zu sein.

Ende 1982 kehrte ich in die alte Bundesrepublik zurück und begann für die damalige Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zu arbeiten. Meine Projektarbeit konzentrierte sich fast ausschließlich auf den englischsprachigen Teil Afrikas. Ich hatte durch die Arbeit Kontakte zu verschiedenen Personen und Organisationen in Südafrika und auch im ehemaligen Südwestafrika aufgebaut. Nachdem das südwestafrikanische Land 1990 seine Freiheit von Südafrika errungen hatte, wurde es nun im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ebenfalls unterstützt und gehörte in der GTZ zu „meinen“ Projektländern. Das Sehnsuchtsland meiner Kindheit war näher gerückt. So kam es, dass ich 1992 im Rahmen einer Dienstreise mit anschließenden Urlaub meinen Kindheitstraum endlich verwirklichen und zum ersten Mal nach Namibia fliegen konnte.

In neunzehn Jahren bin ich insgesamt zehnmal dorthin gereist. Tausende Kilometer bin ich selbst durch das Sonnenland gefahren und habe dabei viele Menschen und die einzigartige Fauna und Flora kennen, schätzen und lieben gelernt. In meinen Reisebeobachtungen schildere ich das, was ich unterwegs gesehen, erlebt, genossen, angefasst, bewundert, festgehalten und in mich aufgenommen habe. Skizzenbuch und Kamera waren immer dabei. Meine Eindrücke und Erlebnisse als „Selbstfahrerin“ und bei geführten Reisen möchte ich mit den Lesern teilen. Ich will sie mitnehmen zu den Landschaften, Orten und Plätzen des Landes, die mich am stärksten beeindruckt haben. Darunter sind auch solche, zu denen der pauschalreisende Tourist nur selten kommen wird. Und ich werde von den Menschen, die ich dabei kennengelernt habe, und von denen viele Freunde geworden sind erzählen. Angst hatte ich bei meinen Reisen übrigens nie, obwohl ich viel allein gefahren bin und das als »Seniorin«. Was nicht heißt, dass man heutzutage sorglos durch Namibia fahren kann. Eine gute Portion Vorsicht und wachsamer Menschenverstand ist immer nötig. Langweilig ist es mir bei meinen Reisen nie gewesen. Da ich ja notorisch neugierig und wissensdurstig bin, habe ich bei jedem Besuch neue Eindrücke gewonnen und Neues erfahren. Irgendwie kann man mein Buch auch als erzählendes Sachbuch über Namibia ansehen. Ich war immer bemüht, wissenschaftlich fundiert und kenntnisreich die höchst interessante Geologie oder Biologie des Landes „nebenbei“ zu beschrieben und zu erklären. Das gleich betrifft die historischen Fakten und Details zur Landesentwicklung. Um mich darüber informieren zu können, habe ich häufig die Museen im Land besucht, zum Beispiel in Swakopmund und in Tsumeb, oder habe die Bibliothek der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Windhoek durchforstet.

Die einzelnen Kapitel des Buchs folgen chronologisch den insgesamt zehn Reisen. Eine Vielzahl bekannter Orte, Landschaften, Nationalparks und Sehenswürdigkeiten wird erkundet und beschrieben, von den Wasserfällen bei Epupa im Norden bis zum Fish River Canyon im Süden, dazwischen mehrfach der Etoscha Nationalpark, die reizvollen Gegenden um Spitzkoppe, Brand- und Grootberg, die Atlantikküste mit Swakopmund, Walvis Bay, Lüderitz, Kolmannskuppe und dem Kreuzkap, das Erongo Gebirge, Twyfekfontein im Damaraland sowie der Norden mit Opuwo und Oshakati, Windhoek natürlich, die berühmten Dünen von Sossusvlei, um nur einiges zu nennen. Den Caprivi-Streifen, von der Regierung vor einiger Zeit in Zambesiland umbenannt, fehlt. Ich bin nie dorthin gekommen. Erst heutzutage scheint sich das subtropische Namibia so richtig zum Touristenziel zu entwickeln. Afrikanische Flusslandschaften kannte ich von meinen Besuchen in Zambia, Zimbabwe und Botswana.

An den Schluss dieser Reiseerinnerungen habe ich eine letzte Reise gestellt, die ich nicht mehr mit meinen Füßen erlebt habe, sondern in meinem Herzen, sozusagen als „Traumreise“. Zum Abschluss werfe ich einen Blick auf all das, was sich seit meinem ersten Besuch 1992 verändert hat. Und auch auf das, was vielleicht zum „Erwachsenwerden“ des Entwicklungslandes Namibia noch fehlt. Ich bin zuversichtlich, dass Namibia eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, ein afrikanisches Vorzeigeland wird.

Hannah Schreckenbach, im November 2018

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