Harare – eine bunte Stadt

Mein erster Spaziergang durch die Stadt nahm mir den Atem. Ich hielt mich auf einer Dienstreise vom 12. bis zum 27. September 1983 in Zimbabwe auf, also im dortigen Frühsommer. Fast überall entlang der Straßen in den Wohnvierteln, in den Gärten und auch inmitten der City war die Stadt in die Farbe lila “getaucht“; denn die Jacaranda Bäume standen in voller Blüte. Das bedeutet, dass man von den lila Blüten der Bäume überdacht war, wenn man dort entlang ging und darunter wie auf einem Teppich auf den herabgefallenen lila Blüten wandelte.

Ich wohnte bei Eike und Muzz, meinen langjährigen Freunden aus Accra, die ins ehemalige Südrhodesien gezogen waren, wo die Eltern von Muzz gelebt haben. Sie wohnten in einem schönen Haus in der Stadt zusammen mit ihren beiden Söhnen und vielen Hunden. Tierlieb waren meine Freunde schon immer gewesen. Das kannte ich noch aus Ghana. Nicht lange nach der Unabhängigkeit Zimbabwes haben sie sich dann eine kleine Farm vor den Toren Harares zugelegt für den Gemüseanbau und eine Rinderzucht mit Molkerei. Eike arbeitete für die Friedrich-Ebert-Stiftung.

Bei meinen Stadtspaziergängen wurde ich oft von Muzz begleitet, der als ehemaliger Stadt Architekt von Salisbury natürlich jede Ecke von Harare, wie die Stadt nun hieß kannte. Er zeigte mir unter anderem auch einige der noch gut erhaltenen Gebäude aus der Kolonialzeit aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mich als Architektin natürlich besonders interessierten, sowie die vielen modernen Banken, Versicherungs- und Verwaltungsgebäude, auch Wohnhäuser und kommerzielle Häuser im Stadtzentrum. Typisch für die alten Geschäftshäuser sind die mit Vordächern versehenen, umlaufenden Veranden im Erdgeschoss und ebenfalls die Balkone in den Obergeschossen, die getragen werden von gusseisernen Säulen und verziert sind im „art nouveau“ Stil. In dem 1986 herausgegebenen Buch „Historic Buildings of Harare (1890 – 1940)“ von Peter Jackson (ISBN 0-908306-02-4) wird dieser Architekturstil sehr gut beschrieben.

Im hervorragend gepflegten Stadtpark von Harare blühten außer den vielen lila Jacaranda Bäumen auch solche mit weißen Blüten und natürlich viele andere Büsche, Bäume und Blumen. Jede freie Stunde zwischen den Gesprächen, die ich führte mit Vertretern verschiedener Organisationen, mit denen wir mit der damaligen GTZ (heute GIZ) eine Zusammenarbeit anstrebten benutzte ich, um mich in Harare und Umgebung umsehen zu können. Auch bei meinem letzten Besuch in Zimbabwe 1999 blühten die Jacarandas. Da waren die ersten Zeichen der schlimmen Veränderungen im Land schon zu erkennen. Die ersten Eindrücke hinterlassen jedoch die stärksten Spuren. Für mich war Zimbabwe nach diesem ersten Besuch immer mit der Farbe lila verbunden, obwohl natürlich auch viele andere Farben für ein buntes Harare sorgten. Und auch die Menschen gehören dazu, wie die Kunsthandwerker mit ihren Skulpturen aus Stein, holz und Draht, die Stickerinnen, Korbflechterinnen und Stoffdruckerinnen sowie die Stadtmusikanten, die in der Fußgängerzone der Innenstadt für ein paar Dollar gerne musizieren. 

Beim Hinflug nach Harare hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit meinem Sitznachbarn im Flugzeug, einem alteingesessenen Rhodesier und Professor an der Universität Zimbabwe. Er lauschte den Erzählungen über meine 22 Jahre Leben und Arbeiten in Ghana sehr aufmerksam. Für ihn war es etwas total Neues mit Afrikanern gleichberechtigt zusammenzuarbeiten. Aber er war offen und beurteilte die Zukunft in seinem Land objektiv, sehr realistisch und positiv. Mit Robert Mugabe als Präsident sah er einer guten Zukunft für sein Heimatland entgegen. Zu der Zeit konnte noch keiner ahnen, wie sich die allgemein beflügelnde Aufbruchsstimmung, die ich ähnlich ja auch persönlich in Ghana miterlebt habe in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit, den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts ins Gegenteil umkehren sollte. Zimbabwe wird nun von einem Despoten regiert, der die eigene Wirtschaft in kurzer Zeit ruiniert hat mit den Massenenteignungen und Besetzungen kommerziell bewirtschafteten Landes und dem das Schicksal seiner Landsleute anscheinend völlig egal ist. Zimbabwe hat keine eigene Währung mehr. Der US $ ist das allgemein gültige Zahlungsmittel, die Währung „der westlichen Imperialisten und Neokolonialisten“, die Mugabe laufend verflucht.

Der Zweck meiner ersten Dienstreise nach Zimbabwe war, wie schon erwähnt Gespräche zu führen und Kontakte zu etablieren mit Vertretern verschiedener Organisationen für eine mögliche zukünftige Zusammenarbeit . Darunter vor allem mit dem Staatssekretär und den Mitarbeitern des Ministry of Lands, Resettlement und Rural Development (MLRRD) über die in der Zwischenzeit vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit genehmigte und bereits eingeleitete Machbarkeitsstudie für die Einrichtung von ländlichen Technologiezentren in Zimbabwe. Außerdem waren Gespräche geplant mit Vertreterinnen des „Zimbabwe Women Bureau“ (ZWB), verbunden mit dem Besuch eines vom ZWB unterstützten Frauenprojektes, sowie Gespräche mit Vertretern der „Provincial Health Authority“ der Maswingo Provinz mit zwei dort tätigen deutschen Ärzten über ein geplantes Unterstützungsprogramm für den Bau von 10.000 Trockenlatrinen des Blairs-Typs.

Sozusagen „am Rande“ nahm ich auch teil an der „Rural Development Technology 1983 (RDT’83)“-Konferenz in Harare. Diese 3-tägige Konferenz fand im „Monomatapa“, einem neuen Luxus-Hotel statt. Abgesehen von den horrenden Kosten der Teilnahme an diesem Treffen in einem höchst luxuriösen Ambiente befasste sich kaum ein Beitrag mit dem eigentlichen Thema, der Förderung von zukunftsorientierten, angepassten Technologien für die ländliche Entwicklung in Zimbabwe. Man plante sozusagen an denjenigen vorbei, die von den Ergebnissen der Konferenz, die zu einem jährlichen Event wurde nach der RDT’83, profitieren sollten. Darüber werde ich zu gegebener Zeit in der Rubrik „Projekte im Rückblick“ berichten.

Monomatapa Hotel in Harare

Monomatapa Hotel in Harare

Mein eigener Beitrag zur RDT’83-Konferenz hatte die Frauen in ländlicher Entwicklung zum Thema („Women in Rural Development“). Der Vortrag löste sehr rege Diskussionen aus, denn ich konnte an Beispielen aus Kamerun, Obervolta (heute Burkina Faso) und Mali zeigen, dass Frauen in Afrika bisher kaum einen Nutzen hatten von groß angelegten ländlichen Entwicklungsprojekten und von den neuen Technologien, die im Zusammenhang damit eingeführt wurden, solange sie nicht in den Planungsprozess von Anbeginn mit eingebunden wurden, im Gegenteil. Die Zustimmung der teilnehmenden Frauen aus Lesotho, Botswana und Zambia war enorm. Sie vertraten ähnliche Ansichten sehr militant und ausdrucksstark bei der Tagung zur großen Überraschung der anwesenden Männer! Während der Konferenz gab es erste Kontakte zum Leiter des „University Technology Forums“ der Universität Zimbabwe. Das Forum war bisher in die Universitätsorganisation mit eingebunden. Es bestand nun die Absicht mit Hilfe der damaligen britischen NRO „Intermediate Technology Transfer Unit (ITDG)“ und der Weltbank das UTF in eine selbständige und selbsttragende Organisation umzuwandeln. Dann wäre die Organisation auch als Kooperationspartner für GATE/GTZ in Erwägung zu ziehen.

So ging meine erste Reise nach Zimbabwe voller Erlebnisse viel zu schnell vorüber. Harare wird mir immer als bunte Stadt in Erinnerung bleiben. Aber der Jacaranda Baum gehört seitdem zu meinen Lieblingsbäumen.

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