Griechenland mit griechischer Begleitung

1962: Athen, Delphi, Sounion und Ägina

Meine erste Reise nach Griechenland führte mich nach Athen und Umgebung, nach Delphi, Sounion und auf die Insel Ägina. Da hatte ich meinen ersten Heimaturlaub aus Ghana. Ich war mit Meike, einer griechischen Architektin, die ich an der T.H. in Karlsruhe kennen gelernt hatte, zusammen im Zug nach Athen gefahren und wohnte dann während des ganzen Urlaubs bei ihr. Ihr deutscher Freund war mit von der Partie. Ich wurde als seine „Cousine“ vorgestellt und fungierte sozusagen als „Anstandswauwau“ gegenüber ihrer Familie. Sie zeigte mir mit ihrem Freund gemeinsam die Akropolis, das alte Athen (die Plaka) mit der römischen und griechischen Agora und das neue Athen daneben, das damals noch nicht dem heutigen Stadtmoloch ähnelte. Im Gegenteilt: 1962 konnte man in der griechischen Hauptstadt noch frei atmen. Es gab kaum Luftverschmutzung, und die Berge um die Stadt herum waren noch dicht bewaldet mit Kiefernwäldern.

Am Syndakma Platz vor dem Regierungsgebäude verkaufte der Schwammhändler seine Waren. Inmitten der engen Stadtstraßen konnte man im Zentrum die überall versteckten kleinen byzantinischen Kirchlein bewundern. Die Tempel auf der Akropolis erstrahlten noch im hellen Marmorglanz. Der Autoverkehr hatte zwar schon seine „Rushhours“ morgens und spätnachmittags, aber hielt sich im Vergleich zu dem, was in späteren Jahren passierte in Maßen. Wir kletterten über die Steine auf der Akropolis, bewunderten die gewaltigen dorischen und ionischen Säulen, bestaunten die Figuren des Erechtheions und genossen die Aussicht zum Lykabettos gegenüber und auf die Stadt unter uns. Von diesem Griechenland hatte ich so lange geträumt! Nun durfte ich es endlich selbst erleben.

Unsere Fahrt zum Orakel von Delphi im Auto eines Bekannten der Familie von Meike war ein unvergessliches Erlebnis. Zunächst hielten wir beim Kloster Kessariani am Hymettos an. Ich war fasziniert von der Steinbaukunst der byzantinischen Baumeister. Von den Düften der Kiefern und vielerlei Gewürzpflanzen im heißen Sommerwind umwoben fuhren wir danach durch eine überwältigende Berglandschaft. Zum ersten Mal erlebte ich das „griechische Licht“, das Alles zu durchdringen scheint und in scharfen Umrissen wiedergibt. Trotz des Hitzeflimmerns hatten wir eine gute Fernsicht. Wir kletterten in Delphi über viele Stufen und steile Pfade den Berghang hoch bis zum Apollo Tempel, zur Pronia, dem Heiligtum der Athene und zum Theater.

Dann beschlossen wir zur Insel Aegina zu fahren. Auf dem Fährschiff, das uns von Piräus zur Insel hinüber brachte begegnete mir Stratos, ein junger Grieche, der mich auf Englisch ansprach. Ich hatte mich auch auf Englisch mit den uns begleitenden Bekannten von Meike verständigt, denn mein Griechisch war mehr als holperig, obwohl ich vor der Reise etwas gelernt hatte. Mit Meike und ihrem Freund unterhielt ich mich auf Deutsch. Dass aus der Begegnung mit Stratos, einem Technischen Zeichner bei der griechischen Handelsmarine eine lebenslange Freundschaft werden sollte, ahnten wir beide zu dieser Zeit noch nicht. Wir mochten uns einfach. Und verabredeten uns wiederzusehen bei meinem nächsten Urlaub in zwei Jahren, im Jahr 1964.

Die Skizzen dieser Reise und der im Jahr 1964 sind in „Skizzen und Gemaltes“ zu sehen.

1964: Paros, Naxos und der Peleponnes

Nach einer umwerfenden Autofahrt mit einmaligen Erlebnissen unterwegs erreichte ich Griechenland, aus dem damaligen Jugoslawien kommend am 17. Juni 1964. Der Auspuff meines Autos hatte am Ende die jugoslawischen Straßen nicht mehr verkraftet und fiel noch vor der Grenze nach Griechenland ab. Die jugoslawischen Zöllner halfen mir den Auspufftopf samt Rohr mit alten Lappen zu umwickeln, damit ich alles, aus dem Autofenster herausragend im Wagen unterbringen konnte. In Griechenland erwarteten mich an der Grenze alle Grenzbeamten, die sehen wollten, wer da mit lautem Knattern, Knallen und Krachen anrollte. Man hieß mich sehr herzlich willkommen. Zur Beruhigung meiner strapazierten Nerven gab es einen Ouzo. Nachdem mein kaputter Auspuff samt Rohr in einem Dorf in der Nähe der Grenze wieder angeschweißt worden war – und zwar so gut, dass ich nur noch einmal damit in Ghana später Probleme hatte! – ging es weiter bis nach Saloniki, wo ich das mir von Stratos gut beschriebene Hotel auch schnell fand. Meine Kräfte reichten dann allerdings nur noch aus zu einem kleinen Spaziergang durch die Straßen dieser großen Hafenstadt in unmittelbarer Nähe des Hotels.

Auf der langen Fahrt von Saloniki nach Athen – an meinem 32. Geburtstag! – begleitete mich ein fast fließend Englisch sprechender junger griechisch-orthodoxer Priester, der als griechischer Konsul in Kamerun tätig war. Auch er wollte nach Athen. Der Hotelbesitzer in Saloniki hatte das Treffen mit ihm „vermittelt“. Wir starteten sehr früh. Glücklicherweise. Denn ich ahnte da noch nicht, dass wir an vielen Orten unterwegs anhielten, um Verwandte des Geistlichen zu treffen. Und das ist ja in Griechenland für den Gast immer mit einem fast ritualgleichen Vorgang endloser Begrüßungen, mit langen Gesprächen und vielen Tassen griechischen Kaffees und dazu süßem Gebackenen und anderen Spezereien verbunden. Ich saß wie auf glühenden Kohlen, aber der Pope war völlig gelassen und meinte, wir schaffen die Fahrt noch bei Tageslicht bis nach Athen, wo er mich bis hin zum Haus von Stratos begleiten wollte. Ich traute mich gar nicht ihm zu sagen, dass ich Geburtstag hatte. Das hätte die Fahrt vermutlich noch mehr verlängert. Stratos hatten wir von unterwegs aus angerufen. Und auch der wartete inzwischen besorgt auf meine Ankunft. Wir schafften es, wenn auch sehr spät! Ende gut, alles gut.

Von da an gab es nur noch viele wunderschöne und erlebnisreiche Tage. Zunächst in Athen und Tagesbesuchen in Sounion, Delphi und Epidauros. Dann fuhren wir mit dem Fährschiff von Piräus gemeinsam nach Paros, eine der Zykladen Inseln, die damals noch nicht vom Tourismus „entdeckt“ worden war. Stratos hatte mein Auto in Athen bei Bekannten „verstaut“. Unsere Unterkunft auf der Insel war recht einfach. Ich sorgte für Kopfschütteln bei unserer Wirtin mit meiner morgendlichen „Katzenwäsche“ und Zähneputzen am Brunnen im Hof (mit sehr kaltem Wasser!) – oberes Waschen ungeniert nackig und „unteres“ hinter eine extra für mich aufgestellten „Schamwand“.

Wir wanderten kreuz und quer durch die Insel, auf der es zu dieser Zeit nur Esel gab und noch kein Auto. Dafür aber in der Funkstation auf dem höchsten Gipfel von Paros, dem Prophet Elias, einen Mann mit einer riesigen Schallplattensammlung aller nur erdenklichen Klassiker. Wir erhielten bei unserem willkommenen Besuch kostenlosen Musikgenuss. Stratos ist sehr musikalisch, spielt hervorragend Klavier und Gitarre und liebt die Klassik so wie ich. Das Genießen reifer Paradiesäpfel, Töpfegucken in den Tavernen, um die Mahlzeit zusammenzustellen, Entdecken verwunschener Häuser, die aus den Steinen eines ehemaligen Kastells gebaut waren, das Suchen nach und Finden traumhafter Badebuchten – das war Paros und für uns beide ein purer Erlebnisurlaub.

Die zweite Insel, die wir besuchten, war Naxos. Dorthin fuhren wir in einem schönen, alten Kaiki. Paros versank hinter uns in einem märchenhaften Sonnenuntergang. In Naxos begrüßte uns das wuchtige Tor des Apollo Tempels. Viel mehr war von der ganzen Tempelanlage, die mal riesig gewesen sein muss, nicht geblieben. Auch auf dieser Insel gab es wunderschöne, versteckte Badebuchten mit winzigen Tavernen, in denen wir uns jedoch bestens verköstigen ließen. Ich begann den herben Retsina Wein und als „Starter“ einen Ouzo zum geräucherten Tintenfisch zu genießen. Winkelig waren auch hier in den Dörfern wie auf Paros alle Gassen. Auf Naxos lernte ich zum ersten Mal die Tücken des Meltemi kennen, eines Windes, der die See aufwühlt und den Seefahrern das Fürchten beibringt. Wir wurden förmlich aus unserer Badebucht hinweggefegt. Dieser Wind gehört zu Griechenland wie das sagenhafte Licht, das alles durchleuchtet.

Nach der Inseltour fuhren wir kreuz und quer durch den Peleponnes. Von der Brücke über den Kanal bei Korinth bestaunten wir die durchfahrenden Schiffe weit unter uns, während ein Zug über die Eisenbahnbrücke vor uns fuhr. Am Tempel von Korinth fuhren wir vorüber und besuchten Sparta und danach die wie verwunschen erscheinenden Stadtruinen von Mystras aus byzantinischer Zeit. Ich war überwältigt von der Wildheit der Landschaft hier und von den Bauten, die förmlich an den Berghängen kleben. Der steile Weg hoch bis zur Burgruine von Mystras führt durch verschiedene Tore in den Schutzmauern der Anlage und an einigen Kirchen vorüber. Von ganz oben erschließt sich dann dem Betrachter die riesengroße Anlage erst richtig. Man kann von hier aus kaum noch die unteren Teile von Mystras erblicken, hat aber eine fantastische Aussicht über die Landschaft mit ihren terrassierten Feldern. Über Nauplia und Korinth ging es wieder zurück nach Athen.

Danach hieß es Abschied nehmen. Stratos begleitete mich am 18. Juli bis nach Piräus, wo ich beim Einladen meines Autos zusah und dann selbst auf der „Lydia“, einem griechischen Frachter untergebracht wurde, die bis nach Marseille fuhr, von wo aus mich eine französisches Postschiff zurück brachte nach Ghana. Der Abschied von Stratos und Griechenland ist mir sehr schwer gefallen.

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