Dienstreise nach Ghana im März 1983

Außer den mit der Vorstellung und offiziellen Übergabe des Lehrbuchs „Construction Technology for a Tropical Developing Country“ verbundenen Aktivitäten habe ich noch auf Wunsch eines mir gut bekannten Professors der Universität in Kumasi sein Heimatdorf Dabaah besucht. Dort werden Glasperlen in der traditionellen Weise hergestellt. Er bat mich um Hilfe für die mit der Perlenproduktion beschäftigten Dorfbewohner, um den Prozess der Zerkleinerung von Glasscherben und alten Perlenresten zu erleichtern. Ein deutscher Mitarbeiter in der Landtechnikwerkstatt der Fakultät für Landwirtschaft auf dem Campus dachte sofort an die Herstellung einer kleinen Kugelmühle mit Motorantrieb. Ich sollte doch versuchen für die Beadmaking Cooperative Dabaah eine Finanzierungsmöglichkeit für eine solche Mühle zu finden.

11.3.1983: Früh zum Flughafen Frankfurt/M. bei neblig kaltem Wetter. Abflug um 9 Uhr 10 bis nach Amsterdam mit der „Lufthansa“. Weiterflug nach Ghana um mit der KLM nach Accra über Lagos. Das Flugzeug war nicht voll, der Service exzellent mit einem sehr humorvollen Purser. Zwischenlandung in Lagos. Vom Flughafen Tower dort am pünktlichen Abflug aus nicht nachvollziehbaren Gründen gehindert. So kamen wir mit einer Stunde Verspätung in Accra an um 19 Uhr 30 Ortszeit. Von Freundin Margit, der damaligen Leiterin des GTZ-Büros in Accra, abgeholt und gleich zur Botschaftsresidenz gefahren, wo der Botschafter einen Empfang für einen Besucher aus dem BMZ (Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit) gab. Dort auch den Leiter des Goethe Instituts getroffen. Gleich hier einige der als Luftfracht mitgebrachten Lehrbücher verteilt: Eine Kopie für das Goethe Institut, eine Kopie für J.J. Rawlings, den Vorsitzenden der Militärregierung an einen Stabsoffizier übergeben und eine Kopie für den Direktor der Ghana Broadcasting Corporation (GBC-TV). Der GBC-Direktor plant ein TV-Interview mit mir über meine Arbeit und über das Thema „Appropriate Technology“ im Bausektor. Bei der Party viele alte Freunde und Bekannte getroffen. Mein Mitarbeiter am Buch (Jackson Abankwah) konnte leider nicht mit dabei sein. Er war für eine weiteres Studium ins Ausland gegangen, wie übrigens auch viele meiner ehemaligen Studenten. „Braindrain“ aus Ghana, leider. Zum Abschied auch dem Botschafter eine Kopie des Buches überreicht. Mit ihm (dem leider schon verstorbenen Dr. G. Fischer) war ich in den schwierigsten Jahren in Ghana in fester Freundschaft verbunden.

12.3.1983: Vormittags mit Freundin M. zum Goethe Institut. Dort ist die Vorstellung des Buches, verbunden mit einer kleinen Feier geplant. Das Programm für den Tag der Vorstellung des Buches (am 14.3.) besprochen und weitere Buchkopien im Goethe Institut gelassen. Mittags mit M. und ihrem Mann nach Ada gefahren und dort übernachtet. Es wurde ein herrliches Ausruhwochenende, ganz so wie in den „alten“ Ghana-Zeiten.

Küste bei Ada

Küste bei Ada

Die Situation im Land hat sich seit meinem Weggang im Dezember 1982 weiter drastisch verschlechtert. Der Zustand der Straße nach Ada ist miserabel. Durch die anhaltende Trockenzeit besteht allerhöchste Buschbrandgefahr im ganzen Land. Es gab schon viele Brände. Einige sind an verschiedenen Orten bereits außer Kontrolle geraten. Der Harmattan ist immer noch sehr stark. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nach wie vor sehr schlecht. Alle setzen Hoffnungen auf die Verhandlungen mit dem internationalen Währungsfonds (IMF). Es wird ein großer Kredit vom IMF erwartet, dessen „Zuteilung“ von Expatriates kontrolliert werden soll. Priorität ist hierbei die Unterstützung der Landwirtschaft und Instandsetzung der Infrastruktur. Es herrscht generell eine recht gedrückte Stimmung im Land. Die Grenzen nach Togo sind von der togolesischen Seite her noch immer geschlossen.

13.3.1983: Rückkehr nach Accra am späten Nachmittag. Mit dem BMZ-Besucher kurzes Treffen und Gespräch über einen GTZ-Vorschlag hinsichtlich „Projektkonzeptionen“ für Länder wie Ghana, Tanzania u.a.

14.3.1983: Um 8 Uhr zum deutschen Botschafter, zur „offiziellen“ Begrüßung. Und mit anderen Botschaftsvertretern über eine geplante Fahrt zum einem GTZ-Projekt (Avenor Healthpost) gesprochen. Dort möchte man eine Bauberatung haben. Danach zum Goethe Institut, Dia-Vortrag für die Buchvorstellung am Nachmittag vorbereitet.

Um 17 Uhr zur Buchvorstellung ins Goethe Institut. Es wurde für mich eine sehr bewegende Veranstaltung. Sehr viele meiner ehemaligen Studenten aus Kumasi und Kollegen und Kolleginnen aus der PWD-/AESC-Zeit waren anwesend. Dr. E. Don-Arthur, Secretary, Ministry of Works and Housing, verlas die Ansprache vom Vorsitzenden der Militärregierung J.J. Rawlings, der nicht kommen konnte. Zuerst hatte der Botschafter nach einer mich sehr berührenden Einleitung zur Veranstaltung Vertreter des Ministeriums offiziell das Buch übergeben. Die Buchvorstellung war insgesamt positiv und sehr erfolgreich. Die langjährige gute Zusammenarbeit mit und Unterstützung durch die Botschaft wurde besonders hervorgehoben. Bei der Übergabe waren außer dem Botschafter noch andere Botschaftsmitarbeiter anwesend. Interviews wurden arrangiert mit dem Ghana TV und der Deutschen Welle für den Wochenanfang ab 21.3.

15.3.1983: Morgens zum GTZ-Büro und Bericht/Briefe geschrieben. Die Botschaft nochmals wegen der Fahrt nach Avenor kontaktiert, die dann letztendlich doch nicht stattfand. Per Motorola den deutschen GTZ-Mitarbeiter von der Landtechnik in der Universität Kumasi angerufen wegen des geplanten Besuchsprogramms für die Buchübergabe dort. Vorläufiges Programm für die Uni:

  • 16.3.: Treffen mit dem Dekan der Architekturfakultät um 15 Uhr. 16 Uhr Besuch beim Vice Chancellor und Registrar. Abends offzielles Dinner.
  • 17.3.: Um 9 Uhr 30 Beginn der Veranstaltung zur Buchübergabe in den Council Chambers der Universität.

Meine Unterbringung wird im UST-Gästehaus Nr. 61 (schräg gegenüber von meinem alten Haus auf dem Campus) organisiert. Ein deutscher Mitarbeiter von der Landtechnik bat mich noch darum, dass die Leiterin des GTZ-Büros (meine Freundin) und der Leiter des Goethe Instituts mit mir zusammen nach Kumasi mitkommen sollten. Donnerstagabend will der Künstler Ablade Glover vom Arts College und guter Freund von mir bei sich einen Empfang veranstalten für mich. Am Freitag ist eine Fahrt nach Dawaah geplant in das Heimatdorf von Professor K. Die GTZ könnte dort mit Mitteln aus dem Kleinmaßnahmenprojekt die „Beadmaking Cooperative“ (eine Genossenschaft) bei der Glasperlenherstellung unterstützen. Weitere Programm Details sollen nach meiner Ankunft in Kumasi besprochen werden. Am Abend langes Gespräch beim Botschafter.

Vorher noch ausstehende Besorgungen in Accra notiert für die verbleibende Zeit nach meiner Rückkehr aus Kumasi:

  • In der Catholic Press vorsprechen wegen einer weiteren Auflage von „No Time to Die“ und meine Originalzeichnungen von dort abholen.
  • Zum Philatelie Büro, die zuletzt erschienenen Briefmarken besorgen. Danach will ich aufhören, weiter Briefmarken aus Ghana zu sammeln.
  • Besuch im „Ghana Institute of Architects“ und klären, ob ich weiterhin Mitglied bleiben kann.
  • Andere Termine, außer der Fahrt nach Dabaah: eventuell, wenn das zeitlich noch möglich ist eine Fahrt nach Boabeng-Fiema zu den Imkern im Monkey Sanctuary; und zum Abschluss Höflichkeitsbesuch beim Asantehene.

16.3.1983: Abfahrt vormittags nach Kumasi gemeinsam mit M. und dem Leiter des Goethe Instituts vom GTZ-Büro aus. Der Zustand des Landes nach der lang anhaltenden Trockenheit und den bereits erwähnten außer Kontrolle geratenen Buschbränden, die schon große Waldflächen und Farmen (Kakao- und Palmölplantagen) vernichtet haben, ist erschreckend. Der Volta-Stausee ist auf seinem bisher niedrigsten Stand angekommen (243 Fuß; bei 240 Fuß hören die Turbinen auf zu arbeiten). Nur noch massive Regenfälle im Norden, insbesondere in den Zufluss Gebieten der Volta Flüsse können jetzt noch helfen, sonst geht in Ghana in 1 bis 1½ Monaten das Licht aus. Die jetzige Stromversorgung wird zusätzlich erschwert durch den desolaten Zustand der veralteten Turbinen.

Wir kamen um 14 Uhr in Kumasi an und erhielten noch ein Mittagessen in unserem Gästehaus. Wir waren in das größere eingezogen, wo wir alle unterkommen konnten. Die erst geplante Vorstellung beim Dekan der Architekturfakultät konnte nicht stattfinden, weil er an einer dringenden Besprechung beim Vice Chancellor der Uni teilnehmen musste. Der Besuch beim VC. fand darum dann auch mit Verspätung statt. Dort übergab ich erstmal zwei signierte Bücher. Abends hatten wir einen sehr schönen Empfang bei A. Glover, zu dem auch alte Kollegen von mir erschienen. Nachmittags haben uns noch weitere ehemalige Kollegen und Studenten im Gästehaus besucht.

17.3.1983: Einer meiner ehemaligen Kollegen begleitete uns zur offiziellen Buchübergabe beim VC. Im Council Chambers waren Vertreter der Architekturfakultät (die Abteilungsleiter der verschiedenen Abteilungen) anwesend und fast alle meiner ehemaligen Kollegen und Kolleginnen der Architekturabteilung sowie Vertreter des Büros vom Registrar.

Der VC. eröffnete die Feier mit einer kurzen Ansprache und begrüßte uns und die anwesenden Gäste. Danach beschrieb ich in kurzen Abrissen den Inhalt des Lehrbuches und übergab dem Vice Chancellor und damit der Universität, in der ich 7 Jahre lang gelehrt habe nun offiziell eine handsignierte Kopie des Buches. Der Dekan der Archituekurfakultät würdigte in seiner Ansprache die Unterstützung der GTZ (und damit der Bundesrepublik Deutschland) für Ghana und insbesondere für die Universität. Er pries die harte Arbeit, die in dem Buch steckt und dankte dem Direktor des Goethe Institutes für die Übernahme meiner Flugkosten und die offizielle Organisation der Buchvorstellung in Accra. Dieser stellte dann in seiner Ansprache die Rolle des Goethe Institutes vor und gab gleichzeitig bekannt, dass im Mai/Juni des Jahres im Institute of Mechanical Engineering in der Universität eine Ausstellung über den Wankelmotor vom Goethe Institut arrangiert würde.

Buchübergabe an Vice Chancellor Professor Kwami, März 1983

Buchübergabe an Vice Chancellor Professor Kwami, März 1983

Um 12 Uhr 30 begann das aus Anlass der Buchübergabe organisierte gemeinsame Mittagessen. Freundin M. und der Leiter des Goethe Institutes fuhren danach zurück nach Accra. Ich zog nachmittags um zu Dr. K., einem der in Bonn ausgebildeten ghanaischen Ärzte der medizinischen  Fakultät. Mit dem deutschen Landtechniker habe ich dann noch meine Rückfahrt nach Accra am kommenden Sonntag arrangiert. Eine Fahrt nach Boabeng-Fiema war nicht mehr möglich und leider auch kein Höflichkeitsbesuch beim Asantehene.

Abends waren Dr. K. und ich bei unserem Künstlerfreund Glover. Dort trafen wir meinen alten Universitäts-Freundeskreis wieder, den er eingeladen hatte. Es war ein solcher Abend, wie wir ihn so oft gemeinsam und zusammen erlebt hatten in der Vergangenheit: Freude über das Wiedersehen, unsere Gedanken austauschen über die ungewisse Zukunft Ghanas, des Landes, das ja auch für mich 22 Jahre lang mein Zuhause war. Uns allen ist klar, dass die moralische Erneuerung der Gesellschaft, die J.J. Rawlings nach seinem letzten Coup (31.12.1981) mobilisieren wollte, der Mitarbeit und des bedingungslosen Engagements aller bedarf. Und dass gerade die, auf die es bei dieser Aufgabe ankommt – die geschulte, ausgebildete und studierte Elite – oder sehr viele von ihnen leider abseits stehen und nicht empfinden, dass sie dank ihrer Erziehung den vielen ihrer Landsleute, die keine Schulbildung haben, Hilfe schulden.

18.3.1983: Morgens zu einer kurzen Rundfahrt mit dem Landtechniker in die Stadt Kumasi gefahren. Danach zurück zum Campus und die für ein Fernsehteam der Ghana Broadcasting Corperation ausgestellten Geräte im Dept. of Agricultural Engineering, die dort gebaut werden angesehen.

Nach dem Mittagessen mit Prof. K. zu seinem Familienhaus in Kumasi gefahren, wo wir den Chairman der „Dabaah Beadmaking Cooperative Society“ abholten und dann mit ihm gemeinsam nach Dabaah gefahren sind. Im Dorf angekommen, stellte ich dann den versammelten Ältesten und Dorfvertretern mögliche Hilfsmaßnahmen zur Unterstützung ihrer Genossenschaft vor, wie zum Beispiel den Bau einer kleinen Kugelmühle zum Glas mahlen in der Landtechnik der Universität. Dafür wollte ich nach meiner Rückkehr versuchen Mittel aus dem Kleinprojektefonds der GTZ zu aquirieren für Dabaah und eine Ausstellung organisieren über die Glasperlenproduktion. Ich machte mir dafür sofort folgende Notizen:

„Dabaah Beadmaking Cooperative Society: Ungefähr 300 Mitglieder und Produzenten, meistens immer ganze Familien. Tägliche Produktion: 400 Ketten (je 70 Glasperlen), 6 Ketten pro Hersteller. Rohmaterial: Zerbrochenes Flaschenglas; verschiedene Farbstoffe für Gold, Orange, Blau, Grün, Rot – importiert aus Stoke-on Trent. Zusammen mit dem Arts College und dem Biological Science Dept. der Uni wird versucht herauszufinden, ob die Farben lokal hergestellt werden können. Auch mit dem Geological Dept. wird kooperiert zur Feststellung, ob lokale Quarze für die Glasperlenproduktion verwendet werden können. Weiterhin wird lokal vorhandener Ton für die Formen verwendet. Die Perlen werden gut vermarktet, Händler kommen jeden Montag zum Einkauf.“

Zur Geschichte der Glasperlenherstellung in Ghana gibt es Einiges zu sagen: Es handelt sich hierbei um ein Kunsthandwerk, wie so vieles Andere im Land – die traditionelle Weberei, der Gelbguss (Goldgewichte), der Adinkratuchdruck, die Holzschnitzerei (Stühle, Masken, Figuren), die Töpferei u.a. Glasperlen werden aus Altglas hergestellt. Perlen aus Europa (Venedig und Böhmen), vor allem die wunderschönen Millefiori Perlen (aus dem 18. Jahrhundert) waren ein beliebtes Tauschgut im Handel in der Kolonialzeit, vor allem in Afrika. Und sind auch heute noch sehr begehrt.

Die Tonformen, in denen die Glasperlen „gebacken“ werden, benötigen sehr gutes Rohmaterial. Manchmal nimmt man dazu auch die Tonerde von verlassenen Termitenhügeln. In Ghana gibt es den besten Perlenmarkt in Koforidua. Heutzutage wird der Perlenmarkt mit maschinell produzierten Massenwaren aus China überschwemmt. Aber nach wie vor haben die eigenen, in mühseliger Handarbeit hergestellten Glasperlen ihren Markt. Die geplante Kugelmühle für die Beadmakers Co-operative in Dabaah wurde einige Jahre später in der Landtechnik der Universität hergestellt und in Dabaah installiert, nachdem dort endlich ein kleines Gerätehaus dafür gebaut worden war.

Kugelmühle für Dabaah, 1987

Kugelmühle für Dabaah, 1987

19.3.1983: Rückfahrt nach Accra nach einem bewegenden Abschied von meinen ehemaligen Kolleginnen, Kollegen und vielen Bekannten und Studenten auf dem Campus. In Accra kam dann der Abschied vom Botschafter und vielen Freunden. Dann wurde gepackt. Am nächsten Tag, dem 20.3.1983, bin ich mit einem Koffer voller Projektideen nach Hause geflogen.

zurück