Eine „Schnupperreise“ verbunden mit Arbeit

1986 hatte ich dienstlich in Ecuador zu tun. Dabei ging es um Beratungen für den Niedrigkostenwohnungsbau und die Produktion von Baustoffen aus eigenen Rohstoffquellen und Abfällen, wie Bims und Reisspelzen Asche, usw. Das geschah im Rahmen eines überregionalen Projektes der Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern in Lateinamerika, von dem außerdem noch Nicaragua und El Salvador profitierten. Über dieses Programm gibt es Einiges zu bemerken, was im Laufe der Zeit auch in der Rubrik „Projekte im Rückblick“ zu finden sein wird. 

Sowohl am 21. September 1986 beim Hinflug nach Quito, Ecuadors 3000 Meter hoch gelegenen Hauptstadt, als auch beim Rückflug einen Monat später wurde jeweils in San Juan auf Puerto Rico eine Zwischenlandung eingelegt. Und beide Male flogen wir davor durch riesige Gewitterfronten. Das war richtig zum Fürchten. Ich bewunderte auf beiden Flügen die Piloten der „Lufthansa“, die uns dort sicher runter und wieder hoch brachten. Der mich begleitende Gutachter wusste über meine Flugangst und bewunderte wiederum mich, weil ich trotz innerlichem Zittern äußerlich ruhig erschien. Und dabei ging es mir gar nicht gut! 

Während der Dienstreise flog ich gemeinsam mit dem Gutachter nach Guayaquil und besuchte dann mit ihm auch die Städte Riobamba, Latacunga und Cuenca. An einem Wochenende ging es zum Chimborazo, Ecuadors höchstem Berg und an einem anderen zum Cayambe Vulkan und nach Otavalo. Eine Woche Urlaub konnte ich dann auch noch an die Dienstreise anhängen, die ich zum Besuch der Galapagos Inseln nutzte. Zunächst aber trafen wir uns in Quito mit Vertretern verschiedener staatlicher und nicht staatlicher Organisationen und mit den GTZ Kollegen, die ein Bauberatungsprojekt in Babahoyo bei Guayaquil betreuten. Wir haben dabei auch die Architektengruppe der FUNHABIT Stiftung kennengelernt, mit denen ich noch viele Jahre lang danach gute Kontakte pflegte. Für den Rückweg nach Quito mieteten wir uns ein Auto und wollten zuerst nach Cuenca fahren, der drittgrößten Stadt Ecuadors und nationales Zentrum der Keramikindustrie. Wir mussten jedoch unsere Fahrt dorthin unterbrechen und uns in einer Hosteria, die wir glücklicherweise nicht zu weit entfernt von der Straße fanden, vom Durchfall erholen, der uns heimgesucht hat. Wir haben in Guayaquil nicht darauf geachtet, dass man Getränke „unterwegs“ hier lieber nicht mit Eiswürfeln kühlt, die aus unreinem Wasser hergestellt werden und alle möglichen Keime enthalten. Den Gutachter hatte es schlimm erwischt, mich nicht so sehr. Aber die Eigentümerin der Hosteria Uszhupud hat sich rührend um uns gekümmert und uns mit Tee und Zwieback wieder auf die Beine gebracht. Nach einem kurzen Aufenthalt in Riobamba fuhren wir zurück nach Quito.

Von Riobamba aus konnten wir außer den beiden noch aktiven Vulkanen Tungurahua und El Altar auch den erloschenen Chimborazo, Ecuadors höchsten Berg sehen. Wir beschlossen an einem Wochenende eine geführte Tour dorthin zu unternehmen. Die Andenbergwelt ist überwältigend. Unsere Fahrt ging laufend hoch und runter. Und immer wieder erschlossen sich neue, fantastische Ausblicke in tiefe Täler, Schluchten und über Hochplateaus, wo die Alpacas und Lamas vor uns Reißaus nahmen. Jedes Stückchen Land wird beackert. Bis über 4000 m Höhe werden Kartoffeln angebaut. Wir sahen viele der einheimischen Indios bei der Arbeit. Während es in Quito bei unserer Ankunft noch recht warm war, wurde es im Gebirge sehr kalt. Schnee lag bis auf 3000 m.

Zum Chimborazo

In Quito kontaktierten wir den Anden Bergsteiger Verein und verabredeten uns für das folgende Wochenende zu einer Fahrt zum Chimborazo. Der Gutachter wollte bis zum Humboldt Gletscher aufsteigen, ich bis zur Whymper Berghütte auf 5000 m Höhe. Zwei ecuadorianische Bergsteiger begleiteten uns. Da mein Spanisch äußerst dürftig war, unterhielten wir uns auf Englisch, das beide sehr gut sprechen konnten. Schon die Hinfahrt „über Berg und Tal“ war überwältigend. Leider war es am Anfang der Fahrt noch sehr wolkenverhangen, aber klärte sich immer mehr auf, je höher und näher wir dem Berg kamen. Und dann lag der schneeweiße Eisriese in seiner ganzen Höhe von 6.310 Metern vor uns. Was für ein Bild gegen den tiefblauen Himmel! Im 4.300 Meter hoch gelegenen Basislager trennten sich unsere Wege. Einer unserer Begleiter ging mit dem Gutachter mit bis zum Gletscher hinauf, der andere begleitete mich bis zur Edward Whymper Hütte. Wir konnten vom Basislager aus bis zum Parkplatz eines Refugios in 4.700 Meter Höhe mit unserem Auto fahren, dann ging es zu Fuß in Serpentinen auf einem schmalen und steilen Pfad weitere 300 Meter hoch bis zur Hütte, die den Namen des britischen Erstbesteigers trägt, der den Gipfel mit einer britisch-italienischen Seilschaft im Januar 1880 erreichte.

Oben angekommen merkte ich bei zunehmenden Kopfschmerzen, dass ich höhenkrank wurde. Mein Begleiter ließ mich nur noch ein wenig skizzieren, fotografieren und eine Menge Tee trinken, dann ging es schnell wieder bergab. Im Basislager ging es mir gleich viel besser. Es dauerte auch nicht mehr lange, und der Gutachter kam mit dem anderen Bergsteiger zurück, beide ziemlich erschöpft. Unsere Köpfe schienen zu der Zeit die Unterkante der Wolken zu berühren, so tief waren diese in der Zwischenzeit gesunken. Dennoch hatten wir immer noch eine großartige Aussicht auf das Arenal, die Hochebene unterhalb vom Chimborazo. Auf der Rückfahrt besuchten wir einige der an den Berghängen klebenden Indio Häuser und schauten den Bauern beim Pflügen mit ihren Ochsen zu. Auf der Hochebene sahen wir auch die höchsten Eisenbahnstrecke des Landes und die Kiefernwälder, deren Holz zum Bauen verwendet wird.

Verirrt in den Bergen

Auf der Rückfahrt von Riobamba bei unserem nächstem Besuch in der Stadt hielten wir in Latacunga, um uns den Bimsabbau und die Herstellung von Bimssteinen für den Wandbau in der Umgebung anzusehen. Die abbaubaren Tuffstein- und Bimsschichten hatten wir unterwegs schon gesehen und auch bemerkt, dass viele Gebäude in Latacunga aus Tuffsteinen gebaut worden sind. Als Abschluss besuchten wir noch den farbenprächtigen Sasquisili Markt und machten uns auf den Rückweg nach Quito. Diese Rückfahrt durch viele Hochtäler entlang der „Avenida de Vulcanos“ mit einem geliehenen, ziemlich klapperigen Jeep wurde zu einem puren Abenteuer, weil wir uns verfahren hatten. Diesmal wollten wir nicht auf der Hauptstraße, sondern über die Berge fahren.  Meine Frage, ob unser Benzin dafür reichen würde, wurde mit „ja“ beantwortet. Hätten wir das doch bloß nachgeprüft. Denn das Fahren durch die Berge war ja wieder mit hoch und runter und durch viele Kehren fahren verbunden und verbrauchte natürlich mehr Sprit als auf der ebenen Hauptstraße. Wir hatten außerdem vergessen, uns mit genügend Trinkwasser und etwas zum Essen einzudecken. Nur ein paar Bananen waren von unserem letzten Imbiss noch übrig und eine Flasche Mineralwasser. Aber wir wollten unbedingt auf die hoch gelegene Avenida de Vulcanos, um die riesigen Vulkane zu sehen, wie auch den zwar „ruhenden“, aber noch aktiven Cotopaxi.

Die Westkordillieren mit den Orten Pujili, Zumbagua und Chucchilan sind märchenhaft schön. Wir stoppten noch am dunkelgrünen Quilotoa Vulkansee. Danach haben wir irgendwo eine falsche Abzweigung genommen. Die Straße wurde immer enger. Es gab auch keine Dörfer mehr in den Tälern. Was passieren musste geschah, wir hatten uns verfahren. Vorher war die Fahrt abenteuerlich, jetzt wurde es kritisch. Wir brauchten dringend Benzin. Durst und Hunger hatten wir auch. Und es wurde langsam dunkel. Als ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch war, stand da an einer Kehre plötzlich ein mit einem augenscheinlich leeren Benzinkanister winkender Indio mit seinem Motorrad. Wir hielten an und erzählten ihm von unserem Ungeschick. Worauf er uns bat, ihn doch mitzunehmen.  Auch er hatte keinen Sprit mehr. Nicht weit entfernt sei ein Kloster, und die netten Schwestern dort würden uns und ihm sicherlich mit Benzin helfen können. Ich flüsterte „Dein Wort in Gottes Ohr“. Tatsächlich kamen wir ins Kloster. Und die Schwestern hatten gerade selber frisch getankt in einer nahen Kleinstadt, die wir aber nicht mehr mit dem bisschen Benzin in unserem Tank erreicht hätten. Ich schickte ein Dankesgebet gen Himmel. Der Gutachter konnte unseren Tank mit 25 Litern Benzin befüllen. Auch der Motorradfahrer wurde „bedient“ und lief zurück zu seinem Bike. Wir tranken mit den Schwestern noch Tee und erzählten ihnen von uns und unserer Arbeit. Ich bin sicher, ihre Gebete haben uns sicher zurück gebracht nach Quito. Und auf der letzten Anhöhe hatten wir als Himmelsgeschenk noch einen unbeschreiblich schönen Anblick der Andenvulkankette im Mondlicht mit dem mächtigen Cotopaxi in der Mitte.

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