Die erste Reise in die Dolomiten – 1983

Meine erste Fahrt in die schroffe Bergwelt der Dolomiten war für mich ein umwerfendes Erlebnis. Die Freundschaft mit der Familie des damaligen Hüttenwirts Viktor Perathoner hält immer noch an mit denen, die aus dieser Ladiner Familie noch leben. Ich bin zu dieser ersten Reise in eine für mich total unbekannte Bergwelt am 10. Juli 1983 aus Darmstadt aufgebrochen, wo ich zu der Zeit lebte und über Österreich ins Grödner Tal bis nach St. Christina gefahren. In Innsbruck habe ich die Hinfahrt unterbrochen und mir wenigstens noch die schönsten Ecken in der Innenstadt ansehen können, bevor ich im „Riese Haymon“ mein Haupt zur verdienten Nachtruhe gebettet habe. Es war herrliches Sommerwetter.

11. Juli: Morgens unternahm ich einen weiteren kleinen Stadtbummel in Innsbruck und bin danach über Sterzing weitergefahren bis ins Grödner Tal. Dieses Tal mit wunderschönen Ausblicken (wenn man nicht durchrast) und den drei Orten St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein beginnt bei Waldbruck und reicht bis an das Sella Massiv. Ein Großteil der Bevölkerung spricht hier noch Ladinisch, eine räteromanische Sprache. In Gröden ist daher Ladinisch neben Deutsch und Italienisch auch Amtssprache und wird in den Schulen und Kindergärten gelehrt.

Beim Durchfahren des Tales gab es den ersten Blick auf den Langkofel, oder den Sasso Lungo, wie er hier genannt wird. In St. Christina bin ich zur Col Raiser Lift Station gefahren und konnte mein Auto dort auf dem Parkplatz abstellen. Mit dem Rucksack auf dem Rücken ging es im damaligen offenen Tonnenlift zum Col Raiser hoch. Abenteuerlich! Dabei überwindet der Lift über 500 Höhenmeter. Nach dem Aussteigen (mit Hilfe) hat man dann oben auf einer Erhebung neben der Station die ganze Schönheit der Geisler Spitzen mit dem über 3000 m hohen Sas Rigais, der Furchetta, der Großen und Kleine Fermeda und den Odles vor sich, blickt hinüber zur Stevia und zum Muntejela bis ins Wassertal hinein, zum Piz Duleda hoch und hat hinter sich die Sella Gruppe und den Langkofel mit dem Plattkofel an seiner Seite. Was für ein Ausblick! Ganz klein liegt die Regensburger Hütte etwa 100 Höhenmeter tiefer in der Ferne vor einem, die ich in einer halben Stunde Fußmarsch erreichte.

Hütten Eintritt", 11.7.

Hütten Eintritt“, 11.7.

Ich erhielt dort eine kleine, urgemütliche 1-Bett Kammer mit Waschbecken, in der ich mich sofort einrichtete und wie Zuhause fühlte. Das dicke Federbett deutete auf kühle, wenn nicht gar kalte Nächte hin und ließ mich während meines Aufenthalts mollig eingehüllt schlafen. Die restlichen Abendstunden bis zum Abendbrot wanderte ich um die Hütte herum und genoss die Aussicht. Küchenchefin Resi produzierte Kalbsschnitzel zum Abendessen. Ein Spezialität von ihr. Ein derartig leckeres Kalbsschnitzel habe ich nirgendwo anders je wieder gegessen!

12. Juli: Ich bin früh aufgestanden und hatte schon kurz nach 6 Uhr mein erstes Frühstück auf der Hütte. Erst ab 8 Uhr fährt der Col Raiser Lift. So konnte ich völlig allein durch die Matten wandern in Richtung Cuca Sattel und bis zum Gipfelkreuz auf den grasbedeckten Pic Berg, 2365 m hoch, aufteigem. Dabei erfreuten mich die vielen Blumen, von denen ich die meisten gar nicht kannte und erstmal bestimmen musste in meinem mitgebrachten kleinen Dolomiten Blumenführer. Noch waren die Almwiesen nicht gemäht. Vom Pic Berg bin ich nach St. Ulrich hinunter gelaufen und habe mich mit einem Taxi zurück nach St. Christina zum Lift bringen lassen. Ich musste mich sputen, denn der letzte Lift zum Col Raiser hoch fuhr um 17 Uhr. Mein erster Tag in den Dolomiten war wunderschön und voller bleibender Erinnerungen an die herrlichen Aus- und Fernblicke. Ich saß mit Mizzi noch lange abends am Bügeltisch in der Hütte (zugleich auch der Stammtisch für besondere Gäste, das lernte ich später) und erzählte ihr etwas aus meinem Ghana Leben, während sie Wäsche bügelte und Viktor an der Bartheke das Kommando hatte.

Der Langkofel

Der Langkofel

 

13. Juli: An diesem Tag lernte ich den ersten Teil von meinem zukünftigen Lieblingswanderweg Nr. 13 kennen, der bis zum Beginn der beiden Klettersteige auf den Sas Rigais führt und dann ins Wassertal hinein bis zur Wasserscharte und den Aufstieg zur Furchetta. Diesen Weg, mit dem Ausblick auf die Geisler Spitzen, die Odles, den Sas Rigais, den Munte Jela bis hin zur Sieles Scharte und mit dem Rückblick auf die immer kleiner werdende Hütte mit der Stevia und dem Langkofelmassiv, bin ich immer wieder bei jedem Besuch zuerst gelaufen. Und es gab bei allen Besuchen jedes Mal Neues zu entdecken. Ich wanderte zurück zur Hütte durch das Wasserrinnental zum Blumen Fotografieren und Skizzieren.

14. Juli: Heute bin ich mit dem ersten Lift nach St. Christina runtergefahren und dann mit meinem Auto nach Bozen; denn dort wollte ich auch schon immer mal hin. Das Herumlaufen dort und der Stadtbetrieb wurden jedoch sehr anstrengend für mich. So viel Laufen war ich ja aus meinen Ghana Jahren gar nicht gewöhnt. Gegen Spätnachmittag ging es wieder zurück nach St. Christina. Ich schaffte den vorletzten Lift hoch zum Col Raiser und war froh, mich auf der Hütte ausruhen zu können.

15. Juli: Nach einem wiederum sehr „frühen“ Frühstück bin ich zu Fuß nach St. Christina gelaufen. Rechts und links vom Weg konnte ich eine fast unbeschreibliche Fülle blühender Almwiesen in den prachtvollsten Farben, die man sich vorstellen kann erleben. Mit dem Auto bin ich bis zum Sellajoch gefahren, und von dort mit dem ersten Stehgondellift hoch bis zur Langkofelscharte und Demetz Hütte. Der Abstieg durch die Scharte bis zur Langkofelhütte war ziemlich steinig und auch deswegen sehr beschwerlich, weil der Weg stellenweise vom tauendem Schnee noch sehr rutschig war. Dann ging es über den „Friedrich Stradel Weg“ um den Langkofel herum bis zum Monte Seura. Von dort aus konnte ich mit zwei verschiedenen Liften bis zum Monte Pana abfahren und durch die „Steinerne Stadt“, ein Felsblocklabyrinth unterhalb des Langkofels zurück laufen bis zum Sella Joch und zu meinem Auto.

16. Juli: Nach dem Frühstück ging es heute bis zur Sieles Scharte und zurück durch das Wasserrinnental zum Skizzieren und Blumen Fotografieren. Es wurde ein schöner Ausruh- und Bummeltag!

17. Juli: Erst bin ich bis zur Pana Scharte hoch über die ganze Troier Alm gelaufen und dann von dort über die Cisle Steine unterhalb der Fermeda Türme zurück zur Regensburger Hütte. Die Cisle Steine im Piera Longia Gebiet unterhalb der Kleinen und Großen Fermeda Türme sind Jahrhunderte Jahre alte Abbrüche. Man kann sich kaum vorstellen, was das für ein Geräusch gewesen sein muss, als diese beiden riesigen, spitzen Felsteile von den Fermeda Türmen heruntergekracht sind. Beim Troier Wirt kehrte ich vorher noch zur Jause ein. Diese urige Hütte habe ich bei jedem Besuch auf meinem Programm gehabt. Von der Troier Hütte aus kann man das ganze Bergpanorama vom Puez-Geisler Naturpark und die südlich davon gelegenen Dolomitenberge voll genießen und den Sonnenschein kostenlos dazu.

18. Juli: Nach dem Frühstück bin ich bis zur Juac Hütte abgestiegen und von dort bis nach Wolkenstein gelaufen zur Dantercepies Seilbahn. Auch dieser Lift hat seine Geschichte. Er fing 1950 als Einer-Sessellift an. Dann wurde daraus 1965 ein Zweier-Korblift; 1972 eine Vierer-Gondelbahn; 1985 eine Sechser-Gondelbahn, die 1992 von der Fima Leitner (die auch die Seilbahn in St. Christina zum Col Raiser hoch gebaut hat) erneuert wurde und dann 2013 die gegenwärtige höchst moderne Zehner-Gondelbahn (auch von Leitner gebaut) mit den vom Architekt Rudolf Perathoner entworfenen innovativen und futuristisch tollen Seilbahnstationen in Wolkenstein und auf dem Grödner Joch. Die Dantercepies Bahn, die einen Höhenunterschied von 644 m von der Talstation in Wolkenstein bis zum Grödner Joch bewältigt, war immer stark frequentiert. Ich fuhr mit der damaligen Kabine hoch bis zum Joch, von wo aus ich eine spektakuläre Aussicht hatte auf den Sella Stock und den Langkofel. Vom Joch aus bin ich dann unterhalb der Cir Spitzen entlang gewandert. Das sind alles Wege, die ich unbedingt nochmal bei einem anderen Besuch ausführlicher kennen lernen möchte. Es ging auf dem gleichen Weg wieder zurück bis zur Hütte.

19. Juli: Frühes Frühstück, früher Aufbruch. Heute ging es wieder per pedes runter nach St. Christina und von dort mit dem Auto erneut bis zum Sellajoch. Auf dem „Friedrich-August Weg“ bin ich danach hin und zurück bis zur Plattkofelhütte gewandert. Die Aussicht von diesem Weg schließt die Marmolata, den höchsten Dolomiten Berg mit ein, sowie die Rosengartengruppe, den Schlern und die Seiser Alm. Am Horizont waren die Berge vom Alpenhauptkamm zu sehen, denn es war herrlich klares Wetter. So viele neue und schöne Eindrücke kann man gar nicht so schnell verkraften. Aber mein Entschluss stand schon fest, hierher komme ich noch einmal.

Auf dem Friedrich-August Weg zur Plattkofelhütte mit Blick zur Marmolata

Auf dem Friedrich-August Weg zur Plattkofelhütte mit Blick zur Marmolata

Es folgten vier Wandertage bei schönem Wetter. Am 20. Juli zu den Cisle Steinen und von dort bis zur Troier Hütte und zurück über den Höhenweg unterhalb der Fermeda Türme bis zum Plan Ciartier, der Hochebene von wo es zum Eingang in die Mittagsscharte und zu den Klettersteigen auf den Sas Rigais geht. Danach konnte ich wieder auf „meinen“ Weg Nr. 13 für den Rückweg zur Hütte einbiegen.Am 21. Juli bin ich nach dem Frühstück zu Fuß nach St. Christina hinunter gelaufen und mit dem Auto nochmal bis zum Sellajoch hochgefahren und durch die Steinerne Stadt (oder das „Steinerne Meer“, wie es auch genannt wird) gewandert. Dann bin ich zum Grödner Joch hoch gefahren und habe dort meine  Mittagspause eingelegt. Unterhalb der Sella konnte ich ein großes Rudel Gamsen beobachten in einem Schneefeld. In St. Christina bin ich noch zur Fischburg gegangen, die aber leider geschlossen war. Danach ging es zurück zur Hütte.

Am 22. Juli gab es noch einen Aufstieg zum Pic Berg. Nach dem Abstieg bin ich in der Fermeda Hütte eingekehrt. Den Rest des Tages habe ich einfach verbummelt. Am 23. Juli ging es wieder auf Weg 13 ganz früh bis zum Einstieg auf den östlichen Klettersteig hoch zum Sas Rigais. Das wollte ich mir ansehen, um zu entscheiden, ob ich das mal wagen kann allein. Als ich die roten Steigmarkierungen und Drahtseilsicherungen sah, habe ich mich entschlossen das Wagnis eines Aufstiegs allein auf keinen Fall zu riskieren. Wenn überhaupt, dann nur in Begleitung. Es war noch kein Mensch unterwegs. Die Kletterer kommen ja meistens erst mit dem ersten Lift, „bezwingen“ den Berg im Eiltempo, um einen weiteren „3000er“ abzuhaken. Ich bin noch bis zur Wasserscharte gewandert und habe dabei eine Kreuzotter gesehen. Viele Murmeltiere haben mich unterwegs „verpfiffen“ und ihre Kumpels vor mir gewarnt.

24. Juli: Am Morgen gab es ein schweres Gewitter mit Hagel. Das hat vielleicht gedonnert mit dem Nachhall in den Bergen ringsherum! Danach beglückte uns aber wieder das schönste Sommerwetter. Ich bin bis zur Sieles Scharte hoch gestiegen und konnte von dort aus die Puez Hochfläche mit den Puez Spitzen sehen. Am 25. Juli unternahm ich zusammen mit einigen Gästen auf der Hütte einen Tagesausflug nach Brixen zum Kloster Neustift. Das werde ich bei einer der nächsten Reisen näher beschreiben. Am nächsten Tag, dem 26. Juli, bin ich ganz früh bis zum Plan Ciartier gelaufen. Es war zu dieser Zeit noch kein Mensch unterwegs. So konnte ich, da ich grundsätzlich immer sehr langsam und daher fast lautlos gehe, junge Murmeltiere fotografieren, die sehr neugierig und zutraulich waren. Ich hatte mich hingesetzt und schaute die kleinen Kerlchen still an. Sie kamen immer näher, bis ich sie fast anfassen konnte. Dann tauchte die Murmeltiermama auf und jagte ihre Jungen mit gellenden Pfiffen wieder in den Bau. Ich blieb einfach sitzen. Und siehe da, auch die Mama war an mir interessiert und beäugte mich neugierig. Was für ein Erlebnis! Ich bin noch bis zur Wasserscharte gelaufen und danach durch das Wasserrinnental zurück zur Hütte.

Murmeltierjunges - der erste Ausflug

Murmeltierjunges – der erste Ausflug

27. Juli: Heute hat es zur Abwechslung mal geregnet, deshalb war ein Ausruhtag angesagt. Am Nachmittag bin ich dann aber doch bis nach St. Christina runter und wieder hoch gelaufen, damit ich nicht aus der Übung komme. In St. Christina gibt es noch einige sehr schöne alte Berghöfe, die mich sehr interessiert haben.

Am 28. und 29. Juli: Ich bin an beiden Tagen bis zum Sas Rigais Aufstieg gewandert und konnte dabei wieder junge Murmeltiere beobachten, die anscheinend alle zurzeit aus ihren Bauten an die frische Luft kommen, um die Außenwelt kennen zu lernen. Von ihren schlimmsten Fressfeinden, den Steinadlern habe ich noch keinen gesehen. Es wird aber gesagt, dass ein Adlerpaar im Langental von Wolkenstein nistet. Auch Rehe habe ich gesehen und viele Blumen fotografiert. Zurück ging es über die Cisle Steine, vorher habe ich auf der Troier Alm alle Jausenstationen nacheinander abgeklappert. Ich wollte mal sehen, was die anbieten! Das wurde auch zur Routine. Bis zur Pana Scharte ging es noch hoch, dann aber schnellstens wieder zur Hütte zurück, als Wetter umschlug.

30. Juli: Heute war wieder ein klarer Sommertag mit herrlicher Aussicht. Ich bin bis zur Roa Scharte gelaufen und über die Wasserscharte zurück. Dabei konnte ich Gamsen mit Jungen beobachten. Der 31. Juli war der letzte Tag meines ersten herrlichen Urlaubs auf der Regensbsurger Hütte. Ich bin aufgestiegen bis zur Piz Scharte und von dort bis zur Stevia Hütte gewandert. Der Wirt dort produziert einen fantastischen Kaiserschmarrn mit Spinat! Vor der Scharte habe ich viele Rehe gesehen. Es ging dann durch die Sylvester Scharte hinab bis zur Juac Hütte und von dort aus zurück zur Regensburger Hütte. Ein toller Tag zum Abschied, der gekrönt wurde durch den ganz selten gewordenen Anblick eines Schopfrapunzels in einer Felsspalte.

Schopfrapunzel

Schopfrapunzel

Der 1. August war Abfahrtstag: Nach dem Frühstück (sehr früh) und Abschied von der Hüttenfamilie bin ich bis nach St. Christina gelaufen. Danach führte meine lange Autofahrt dann über den Brenner Pass, Fern Pass, Innsbruck, Garmisch Partenkirchen bis nach Murnau, wo ich noch Freunde besucht habe.

zurück…