2010 – Die zwölfte Dolomiten Reise vom 25. Juni bis zum 9. Juli

Die zwölfte Dolomitenreise war zugleich auch mein letzter Besuch in der von mir so sehr geliebten, grandiosen Bergwelt. Zwar hatte ich seit meiner letzten Reise in die Dolomiten 2002 schon lange davon geträumt, noch einmal zu meinen Südtiroler Freunden auf die Regensburger Hütte zu fahren und dann von dort oben aus all jene Ecken aufzusuchen, zu denen ich so oft gewandert bin und von deren Farbenpracht in der Frühjahrsblüte ich mich so oft habe verzaubern lassen. Von 1983 an, nach meiner Rückkehr aus Ghana, habe ich die Dolomiten, die in Urzeiten ein Korallenriff waren, kennen und lieben gelernt. Nun waren seit dem letzten Besuch (meiner elften Dolomiten Reise) acht Jahre vergangen. Und das Altern setzt mir immer mehr Grenzen bei meinen Vorhaben.

Die Klettersteige, auf denen ich herumgekraxelt bin, werde ich nicht mehr benutzen und auch keine größeren Anstiege mehr bewältigen können. Beide Beine wollen nicht mehr so richtig, und auch andere Wehwehchen lassen das nicht mehr zu. Aber auf Wanderwegen, die nicht zu steil sind, wollte ich noch einmal entlang gehen, immer mit dem einzigartigen Ausblick auf die schroffen Berge um mich herum und neben den Pfaden mit dem Blick auf Hänge und Matten voller unzähliger, wunderschöner Frühlingsblumen, die es in dieser Pracht nur hier zu bestaunen gibt. Das alles wollten meine Augen noch einmal aufnehmen und an Herz und Seele weitergeben, bevor ich mich auf meine eigene letzte Reise begebe.

Langes Autofahren kam auch nicht mehr in Frage. So bereitete ich mich diesmal besonders sorgfältig auf diese Dolomitenreise vor, die mit der Bahn und Bussen vonstattengehen sollte. Zunächst „versorgte“ die Ärzteschaft noch meine beiden Kniegelenke, damit ich einige Wochen lang einigermaßen schmerzfrei über die Runden kam. Mein Gepäck organisierte ich auch so, dass es altersgerecht, will heißen „leicht“ war. Ein mittelgroßer Rucksack, meine Umhängetasche mit Kamera, Geld und Papieren, sowie ein kleiner Ziehkoffer wurden wirklich nur mit dem Nötigsten an Kleidung und anderen Sachen gefüllt für warme und auch kalte Tage. Dazu kamen dann noch meine beiden Wanderstöcke, die ich in der Zwischenzeit auch als „Alltags-Gehhilfe“ benutze und die für die Reise zusammengeschoben am Rucksack verstaut werden können, damit ich meine Hände frei habe.

Am 25. Juni ging es frühmorgens los. Es wurde eine ziemlich abenteuerliche Fahrt. Aber überall fand ich nette Leute, die mir beim Umsteigen aus den Zügen heraus und in die anderen Züge und Busse wieder hinein halfen. Viermaliges Umsteigen (in Leipzig, München, Brixen und St. Ulrich) brachten mich bis an mein Ziel, St. Christina in Gröden. Dort holte mich die Managerin vom „Jägerheim“, wo ich untergebracht war, von der Bushaltestelle ab. Das war eine sehr lange und sehr anstrengende Fahrt gewesen. Im Hotel angekommen war ich total platt.

Das schöne, große Haus, in dem ich so oft und immer gerne gewohnt habe, strahlte noch die in den Wänden steckende Winterkälte aus. Sie hatten gerade erst vor wenigen Wochen eröffnet. Obwohl geheizt wurde, waren die Zimmer doch noch ziemlich kalt. Aber das war mir egal. Ich war nun endlich dort angekommen, wo ich hinwollte. Das war doch die Hauptsache. Mit einer zusätzlichen Decke war es dann nach dem Abendessen auch schnuckelig warm im Bett, in das ich dankbar gesunken bin. Ich hatte kein bisschen Sitzfleisch mehr am Allerwertesten! Der Reisetag war wenigstens warm gewesen, fast schwülwarm und sonnenbeschienen. Nun konnte das reine Urlaubsvergnügen in den Bergen beginnen!

Weg vom "Jägerheim" nach St. Christina mit Langkofelblick, 26.06.

Weg vom „Jägerheim“ nach St. Christina mit Langkofelblick, 26.06.

26. Juni, ein Samstag: Leider habe ich nur in „Schüben“ schlafen können. Mein Körper muss sich erst wieder an die Höhe (fast 1500 m) gewöhnen. Aber nach dem Frühstück bin ich frohen Mutes und glücklich im Sonnenschein zum ersten Spaziergang in den Ort aufgebrochen. Dabei geht es vom „Jägerheim“ etwa 2 km bergab, was bedeutet, dass es zurück dann die gleiche Strecke wieder bergauf geht. In der Touristeninfo im Ort habe ich mir die Busfahrpläne und eine 3-Tages Gardena Karte besorgt, mit der man alle Busse, Seilbahnen und Sessellifte benutzen kann. Außerdem wurden noch Postkarten, Briefmarken und eine Zeitung gekauft. Danach wanderte ich bis zur Kirche und dann auf dem Kreuzweg oberhalb vom Ort über Plesdinaz sehr langsam wieder zurück. Und konnte dabei schon sehen, wie herrlich es überall grünte und blühte. Plesdinaz ist stark gewachsen.

St. Christina liegt 1.428 Meter hoch, ist immer noch die kleinste Ortschaft im Grödner Tal und liegt dem Langkofel direkt gegenüber. Die alte Wallfahrtskirche St. Christina von Bolsena ist oft umgebaut worden, hat aber noch einige recht alte Teile, wie den Glockenturm bis zum Dachansatz, der romanisch ist aus dem 12. Jhdt. und den gotischen Chorraum. Berühmt ist der Hochaltar aus dem Jahr 1690, der von der Bildhauerdynastie Vinazer stammt. Die Holschnitzerei stieg ab 1850 im Grödner Tal zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Region auf. Ich muss immer mein Portemonnaie festhalten, wenn ich an Geschäften mit diesen Schnitzereien vorüber komme. Es gibt hier ja so wunderschöne Kunstwerke!

Und überall gab es eine herrliche Blumenpracht. Auf dem Weg über Plesdinaz zwischen St. Christina und dem „Jägerheim“ kommt man an ein paar der wenigen noch gut erhaltenen alten und sehr schönen Bergbauernhöfen vorüber. Die Wiesen an den steilen Hängen über St. Christina waren voller Blumen – lila, weiß, gelb, rot, blau und rosa, das ist zu dieser Zeit die Farbpalette in der Natur. Ich habe diesmal ein großes Blumenalbum zusammengestellt und als PDF-Datei am Ende des Berichtes angehängt, liste die meisten der gesehenen Blumen aber schon an dieser Stelle im Bericht auf. Vielleicht lockt das den einen oder anderen Leser, die PDF-Datei des Blumenalbums anzusehen.

Die Wiesen waren voller blauer Bergdrachenköpfe (Dracocephalum ruyschiana), leuchtend gelbem Berglöwenzahn (Leontodon montanus), hell lila Witwenblumen (Knautia dipsacifolia), kugeligen Teufelskrallen (Phyteuma orbiculare) und hellgelben Königskerzen. Am Wegesrand standen, außer einer einzigen, wunderschönen Feuerlilie noch viele andere Blumen, die ich nicht bestimmen konnte. Diese Schönheiten der Natur konnte ich gar nicht so schnell aufnehmen. Ich „verstaute“ das Gesehene einfach in meinem Herzen.

Auf dem Kreuzweg gehen ganz automatisch die Gedanken „nach oben“ gen Himmel beim Anblick der fantastischen Bronzekunstwerke des Passionsweges mit seinen 14 Stationen, die ich kurz nach ihrer Eröffnung 1998 zusammen mit Freundin Gisela gesehen und fotografiert habe. Dabei erklärten uns damals einige der Ladiner Schnitzer wie sie die Figuren hergestellt haben. Für Resi von der Regensburger Hütte habe ich ein Fotobuch der Kreuzwege in St. Christina und Wolkenstein zusammengestellt. Das bringe ich ihr zur Erinnerung mit. Gezeigt und beschrieben sind beide Kreuzwege in einer PDF-Datei in der achten Dolomiten Reise.

Nach leichtem Mittagsimbiss und einer sehr langen Siesta habe ich den Nachmittag so richtig verbummelt und mich ausgeruht. Dabei fiel mein Blick immer wieder aus dem Fenster auf den wuchtigen Langkofel oder „Sasso Lungo“, wie er hier genannt wird. Die „bleichen“ Berge der Dolomiten werden ja durch eine Gesteinsart geprägt, die als Dolomit bekannt ist – vom Franzosen Dolomieu, der bei einer Durchquerung der Alpen 1789 das nach ihm genannte Mineral, den Dolomit entdeckte. Den ganzen Tag lang hatten wir schönes Wetter mit einer tollen Wolkenbildung am blauen Himmel.

Blick aus dem Hotel zum Langkofel

Blick aus dem Hotel zum Langkofel

27. Juni, Sonntag: Bei herrlichem Sonnenschein bin ich gleich nach dem Frühstück wieder nach St. Christina gelaufen und mit dem Bus nach St. Ulrich gefahren. Von dort aus ging es weiter mit der Seilbahn bis zur Seceda hoch mit Umsteigen in der Mittelstation, von wo aus man in einer etwas kleineren Gondel bis auf die schroffe, 2518 m hohe Seceda hinauffährt. In tiefem Rosa leuchten einem dabei die steilen brüchigen Abstürze des Berges entgegen. Die Seceda liegt in der Geisler Gruppe und grenzt nach Norden an die Raschötz, die ich im letzten Reisebericht von 2002 beschrieben habe, und an das Villnöß Tal sowie im Süden an die Mastle Alm, die bis zum Cuca Sattel reicht. Die Ankunft oben ist immer überwältigend. Und man ist im Naturpark Geisler-Puez angekommen.

Dieser Park umfasst eine Bergregion in den Dolomiten mit vielen verschiedenen Lebensräumen und Landschaften bestehend aus steilen Felswänden, Schutthalden, steinigen Hochflächen, Nadelholzmischwäldern, Latschenfeldern und bewirtschafteten Bergwiesen. Ich habe mich bei meinen Besuchen seit 1983 fast immer nur im engeren und weiteren Umfeld der Regensburger Hütte aufgehalten und habe vom Puez Teil des Nationalparks, bis auf meine Besteigung des Piz Duleda (2.909 m) im Jahr 1984, beschrieben im Reisebericht der zweiten Dolomitenreise, und den Abstieg von der Puez Hochfläche ins Langental ein paar Jahre später nicht viel mehr gesehen. Aber das ganze Gebiet um die Regensburger Hütte herum mit den Geisler Spitzen, zu denen auch der 3025 m hohe Sass Rigais gehört, besitzt so viele, für die Dolomitengeologie erkennbare Teile der Gebirgsbildung, dass man als interessierter Besucher dort immer wieder „Neues“ entdecken kann. Die Geologen bezeichnen daher den Park auch als „Dolomitenbauhütte“. Hier findet man alle für die Dolomiten typischen Gesteinsarten, Ablagerungsschichten und Verwitterungsformen und, mit etwas Glück, auch Fossilien im Stein.

Von der Seilbahnstation bin ich zunächst bis zur Pana Scharte gewandert. Schon von der Seceda aus hat man einen großartigen Ausblick auf den Langkofel, die Sella und den Rosengarten im Süden und Westen. Von der Pana Scharte aus geht der Blick nach Norden ins Villnöß Tal bis zum Peitler Kofel und am Horizont bis hin zum immer noch schneebedeckten Alpenhauptkamm. Von der Pana Scharte aus bin ich auf meiner fünften Dolomiten Reise 1988 auf einem ziemlich steilen und sehr steinigen Weg über riesige Schrofen bis zur Brogles Hütte abgestiegen, von dort bis zur Brogles Scharte und dann bis zur Mittelstation der Seceda Bahn gewandert für die Rückfahrt und den Rückweg zur Hütte. Das war eine meiner vielen unvergesslichen, langen Wanderungen auf einem sehr schönen Weg. Leider geht das nun nicht mehr.

Die Wiesen, durch die der Pfad von der Seceda führt, waren voller hellgelber Trollblumen (Trollius europaeus) und vermischt mit verschiedenen Primelarten (Primula), dem hellblauen Frühlings- und in dunklerem Blau leuchtenden Alpen-Enzian (Gentiana verna und alpina) und noch einigen weißen Frühlingskrokuspflanzen (Crocus vernus). Nach langem Aufenthalt an der Pana Scharte, wo ich (noch) fast allein die Natur genießen konnte, bin ich vorsichtig bis zur Troier Hütte abgestiegen. Das ist eine ziemlich steile Strecke, die ich nur sehr langsam bewältigen konnte. Aber ich habe es geschafft und konnte unterwegs erneut die Wiesen voller wunderschöner Blumen bewundern. Auf dieser Strecke habe ich bei einem früheren Besuch einmal eine Kreuzotter aufgescheucht, die sich sehr schnell, mehrmals zischend davonschlängelte sodass ich sie leider nicht fotografieren konnte. Ob sich solche Schlangen in diesem Gebiet hier heute überhaupt noch aufhalten in der Nähe der Skipisten, wo kaum das Gras nachwächst, möchte ich fast bezweifeln.

Im Juni 2009 sind die Dolomiten aufgrund ihrer einzigartigen Landschaft und Schönheit sowie der wissenschaftlichen Bedeutung ihrer Geologie und Geomorphologie mit neun Teilgebieten in die Liste des UNESCO Welterbes der Menschheit aufgenommen worden. Darunter befindet sich auch das Puez-Geisler Gebiet mit den Geisler und Puez Spitzen. Und da liegt auch die Regensburger Hütte mittendrin, die umgeben ist von einer überwältigenden Gebirgslandschaft mit den beeindruckend senkrechten, blassweißen, bei Sonnenlicht oft blassrosa erscheinenden Gipfeln. Außer den unterschiedlichen Karbonat Formationen gibt es sie hier wenigstens noch abseits der Skipisten, die wunderschönen Bergwiesen voller Braunellen, Enzian, Orchideen, Arnika, vielerlei Anemonen, Storchenschnabel und Trollblumen. Entlang der Bäche erstrahlen dicke Büschel von Sumpfdotterblumen (Caltha palustris) in goldenem Gelb. Selbst am Rande der Wiesen hört man das Gebrumm der vielen Insekten und Blütenbestäuber. Der ganze Hang unterhalb der Troier Hütte ist noch voller Blumen. Auf den Skipisten daneben blüht, bis auf den Löwenzahn, nichts mehr.

Die Preise waren, wie auch in St. Christina in den Restaurants, in den „Jausen Stationen“ gestiegen, das konnte ich bei meinem ersten Mittagsimbiss beim Troier Wirt feststellen. Für eine Gemüsesuppe mit Würstchen und einem kleinen „Radler“ musste ich € 9,80 hinblättern – in unserer alten Währung fast DM 20,00, das finde ich schon recht viel. Der Euro wird also auch hier zum „Teuro“. Vom Troier ging es danach auf dem vertrauten Weg Nr.1 bis zur Regensburger Hütte bergab, wo ich mit großer Herzlichkeit empfangen wurde. Resi ist mit ihren über 90 Jahren noch immer total aktiv und hat ein ganz tolles Buch über die Geschichte und ihr Leben und Schaffen auf der Hütte geschrieben, das sie mir geschenkt hat. Das Buch war gerade erschienen und gibt einen historisch sehr wertvollen Einblick in die frühen Jahre der Hüttenwirtschaft ohne Elektrizität, Telefon, Handy, Waschmaschine und andere „Segnungen“ der Neuzeit, einschließlich Autos mit Vierradantrieb, usw.

Erster Blick auf die Regensburger Hütte, 27.06.

Erster Blick auf die Regensburger Hütte, 27.06.

Ich habe der Hütten-Familie ein Fotobuch von all meinen bisherigen Dolomiten Reisen geschenkt und übergab Resi das besonders für sie zusammengestellte Fotobuch über die Kreuzwege in St. Christina und Wolkenstein. Das waren meine Mitbringsel, die den Dank an die vielen wunderschönen Stunden, die ich auf ihrer Hütte erleben durfte zum Ausdruck bringen sollte. Wir haben, wenn ich dann später für einige Tage auf der Hütte bleiben werde, sicherlich viel zu erzählen. So genoss ich meinen Cappuccino, der immer noch in der alten Maschine gemacht wird und frischen Apfelstrudel dazu. Bruno ist heute der Manager der Hütte und Resi regiert nach wie vor in der Küche. Mizzi ist in der Zwischenzeit ein Pflegefall geworden und lebt in Wolkenstein, wie auch Carlo, der nicht mehr auf der Hütte in der Höhe arbeiten kann. Manuelas Mann Joseph brachte mich danach im Jeep zur Col Raiser Seilbahn, mit der ich wieder bergab und zu meinem Hotel fuhr. Das befindet sich ja gleich neben der Talstation.

Blick auf die Fischburg in St. Christina, 27.06.

Blick auf die Fischburg in St. Christina, 27.06.

28. Juni: Erst steckten wir morgens in einer nebelartigen Wolkendecke, darüber konnte man aber schon die Sonne erahnen. Und die vertrieb dann die Wolken auch später und bescherte uns einen herrlichen Tag, den ich per Bus zu einem Ausflug zum Sella Joch und von dort zu einer schönen Wanderung benutzte. Ich war zuerst in den Ort gelaufen, um mir noch eine Zeitung zu kaufen. Danach ging es zum Sella Joch hoch. Von hier aus hat man einen überwältigenden Blick auf den Sella Stock mit den Sella Türmen und auf die Geisler Spitzen.

Blick auf die Geisler Spitzen und Stevia Hochfläche vom Sella Joch, 28.06.

Blick auf die Geisler Spitzen und Stevia Hochfläche vom Sella Joch, 28.06.

Vom Joch fuhr ich mit der Seilbahn (immer noch in Stehgondeln) auf die Langkofel Scharte hoch zur Toni Demetz Schutzhütte. In der Scharte lag jedoch noch dicker Schnee, sodass ein Abstieg hinunter bis zur Langkofel Hütte gleich aus dem Programm gestrichen wurde. Die gesamte Langkofelgruppe ist ein großes Bergmassiv, das aus verschiedenen Gipfeln besteht. Der Langkofel selbst ist davon der höchste mit seinen 3181 m.

Ich legte in der Demetz Hütte eine Tee Pause ein und genoss die herrliche Aussicht auf die Sella und den höchsten Gipfel der Dolomiten, die Marmolata. Nach der Abfahrt bin ich dann noch eine ganze Strecke lang durch die „Steinerne Stadt“ gewandert, ein Felsabsturzgebiet, das sich von den Langkofelabstürzen bis hin zum Sellajoch erstreckt und eine ganz eigene Flora besitzt. Ich konnte nun die Frühlingsblumenpracht in dieser Felswüste und auf den steinigen Flächen bewundern, vor allem Polsterpflanzen wie den Silberwurz (Dryas octopetala) und schon die ersten behaarten Almrausch Büsche (Rhododendron hirsutum). Diese Alpenrosen ergeben mit ihrem wunderschönen Rot immer tolle Fotos mit den hellgrauen Bergspitzen im Hintergrund.

Bei meinem Spaziergang durch die Steinerne Stadt legte ich viele Pausen ein, um auch immer wieder die wunderschöne Aussicht auf die mich umgebende Dolomiten Bergwelt zu genießen. Große Zirbelkiefern warfen ihre Schatten von den Felsen. In dieser sagenumwobenen Landschaft gibt es kleinere Gruppen davon. 1988 hatte ich eine solch knorrige Zirbe bei den Cisle Steinen skizziert. Vor einem derartig von den Naturgewalten gegerbten und zerzausten Baum steht man ganz andächtig. So ging für mich wieder ein wunderschöner und erlebnisreicher Tag zu Ende. Der Linienbus brachte mich zurück nach St. Christina. Von der Haltestelle aus ging es dann zwar ziemlich mühsam, aber in langsamen Etappen doch ganz gut bergauf bis zum „Jägerheim“ hoch. Auch auf diesem Weg genoss ich bei jeder Verschnaufpause die Ausblicke. Viel Ausruhen danach im Hotel gab mir meine Kräfte zurück.

29. Juni: Langsam treffen die Touristen ein. Das merkte ich beim Hinunterspazieren in den Ort nach dem Frühstück, wo ich mir Sonnencreme und eine kleine Taschenlampe kaufen musste – beides hatte ich in meinem Gepäck vergessen mitzunehmen. Der Bus nach St. Ulrich war proppenvoll. Es war warm mit hoher Luftfeuchtigkeit. Eigentlich schon eine richtige Gewitterstimmung. Mit Sesselliften ging es dann in zwei Etappen hoch bis zur Seiser Alm. Die erste Strecke bis zum Monte Seura. Nach dem Umsteigen geht es auf der zweiten Strecke bis zum Hotel „Sonne“. Von der ersten Liftstation aus hat man einen guten Ausblick auf die vielen Neubauten von St. Ulrich. Das ist nun eine sich rasant vergrößernde Stadt geworden im Vergleich zu dem Ort, den ich 1983 zum ersten Mal kennengelernt habe.

Die Seiser Alm ist mit ihren 57 km² die größte Hochalm Europas. Sie liegt auf 1680 m Höhe und bildet mit dem Massiv des Schlern, der das Gebiet nach Südwesten abgrenzt ein riesiges Hochplateau. Der westliche Teil bildet zusammen mit der Schlern Gruppe und dem Rosengarten den Naturpark Schlern-Rosengarten. Nach Südosten schließt sich die große Langkofel Gruppe an, zusammen mit dem Plattkofel.

Nach der Ankunft wanderte ich vom Hotel „Sonne“ bis zur Sanon Hütte. Die Blütenpracht rechts und links vom Weg und immer wieder auch der herrliche Ausblick auf den Langkofel, den Plattkofel, den Rosengarten und Schlern, auf das Grödner Joch mit den Cir Spitzen, auf den Pic Berg, die Geisler und Puez Spitzen, den Munte Jela und die Stevia war unbeschreiblich schön. Während andere Besucher an mir förmlich vorüberrasten (na ja, die wollten wohl noch auf die Berge hoch), blieb ich an jeder Blume stehen, blätterte in meinem Alpenblumen Bestimmungsbüchlein und war selig, wenn ich sie dort „entdeckte“, gab mein Wissen auch gerne an Interessierte weiter und lernte dabei einige richtig nette Leute kennen aus Sachsen, Brandenburg und dem Ruhrgebiet.

Wir trafen uns beim Mittagsimbiss in der Sanon Hütte wieder, wo ich meinen Salat mit Frischkäse und einem großen Radler genoss und die Seele baumeln ließ. Die Brandenburger aus Frankfurt an der Oder fragten mich, ob sie mich bergab begleiten dürften. Durften sie, nachdem wir gesättigt und ausgeruht wieder zum Lift zurückgelaufen sind.

Das Erlebnis der Blumenpracht auf den Wiesen der Seiser Alm ist wirklich kaum zu beschreiben. Hier findet man eine kunterbunte Wiesengesellschaft voller Kleiner Klappertöpfe (Rhinantus minor), Arnika (Arnica montana), zusammen mit allen möglichen Kleearten in Gelb, Weiß und Rosa, dazwischen bärtige Glockenblumen (Campanula barbata), das quirlblättrige Läusekraut (Pedicularis verticillata), der Gold Pippau (Crepis aurea), die Wiesenflockenblume (Centaurea jacea) und noch viele andere mehr, sowie auch Orchideen, zu denen der Große und Wohlriechende Händelwurz (Gymnadenia conopsea und odoratissima), die Kuckucksblume (Dactylorhiza incarnata) und das schwarze und rote Kohlröschen mit dem süßen Vanilleduft (Nigritella nigra und rubra) gehören. Und die meisten Blumen hatten „Besucher“, denn es gab hier oben gerade eine Junikäferinvasion. Das Gebrumm dieser kleinen braunen Käfer hat mich bei meinem Bummeln durch die Blumenpracht auf Schritt und Tritt begleitet.

Von der Seiser Alm aus erkennt man auch besonders gut die Formationen der verschiedenen Langkofelgipfel, die sich halbkreisförmig in Richtung Nordwesten wie um einen „Innenhof“ anordnen. Man blickt in die Scharte hinein, die ich mehrere Male von der Demetz Hütte aus hinunter geklettert bin bis zur Langkofelhütte und zur Langkofelumrundung. Man sieht den Plattkofel und hat auch noch einen Blick auf die Sella, das Grödner Joch mit den Cir Spitzen und die Stevia und Puez Hochflächen oberhalb von Wolkenstein.

Zurück in St. Ulrich sah ich mich nach einigen schönen Souvenirs um, die ich auch gleich kaufte. So verpasste ich meinen Bus nach St. Christina und ließ mich, als die Beine zu schmerzen begannen, mit dem Taxi zurückbringen zum Hotel. Dort telefonierte ich noch mit der Regensburger Hütte zwecks Abholung am nächsten Tag und beschloss den Tag mit Postkartenschreiben, Lesen, einem leichten Abendbrot und frühem Zubettgehen.

30. Juni: Wieder strahlte die Sonne morgens von einem fast wolkenlosen Himmel. Ich packte meine Sachen und checkte für die Tage aus, die ich auf der Hütte bin. Zum Abschied blieb ich in der Glasschiebetür nach draußen stecken, die automatisch funktioniert, klemmte dabei den Kopf an beiden Ohren ein und zog mir einen Riss am linken Ohr zu. Als es aufhörte zu bluten, sahen beide Ohren aus, als hätte ein Boxer draufgehauen. Die blauschwarzen Hämatome und Kopfschmerzen begleiteten mich noch eine Weile lang in den kommenden Tagen zur Erinnerung. Das war ein echter „Schreck in der Morgenstunde“. Aber ich habe für alle Fälle in meiner Reiseapotheke immer eine Salbe für solche Fälle dabei. So musste ich auch nicht zum Arzt.

Joseph, Manuelas Mann, der die Einkäufe für die Hütte erledigt, holte mich ab. So kam ich passend zum Mittagessen oben an und wurde wieder in meiner vertrauten Kammer untergebracht. Nur die Matratze und die Bettdecken waren neu, sonst war alles wie gewohnt. Ein kleiner Spielplatz war für Besucherkinder unterhalb der Senner Hütte eingerichtet worden.

Neuer Spielplatz hinter der Hütte, 30.06.

Neuer Spielplatz hinter der Hütte, 30.06.

Der alte Senner Gottfried war in wohlverdienten Ruhestand gegangen. Der neue Hirt, ein junger Mann, kommt nur alle paar Tage aus Wolkenstein hoch. Ich habe ihn nicht getroffen. Er wohnt nicht mehr im alten Senner Häuschen. Es gibt nun einige Bullenkälber, ein paar Kühe mit ihren Kälbern und etliche, sehr schöne Haflinger Pferde. Das vertraute Bimmeln von Gottfrieds Kühen fehlte mir irgendwie. Die Kälber und Kühe trugen nur kleine Glocken am Halsband, deren Bimmeln man kaum vernahm. Vertrautes beginnt sich zu verändern. Das Leben geht weiter, wenn auch manchmal in ganz andere Richtungen, als erwartet. Ich war froh und dankbar mit Resi, Bruno, Manuela und Joseph noch einige Vertreter ihrer großen Familie anzutreffen, die ich 1983 zum ersten Mal kennengelernt hatte, als wir alle noch sehr viel jünger waren.

Am Nachmittag bin ich den vertrauten Weg 13 in Richtung Hochplateau gegangen, von wo aus man – oben angekommen – zu den beiden Klettersteigen für den Aufstieg auf den Sas Rigais kommt. Ich habe – auch wie immer – die Hütte von dort oben betrachtet und die gewaltigen Schrofen des Munte Jela und die steilen Abstürze der Stevia. Die Natur hat sich hier nicht verändert. Bis auf die spitze Felsnadel oben in der Piz Scharte. Von der ist ein großes Stück abgebrochen im Winter. Das muss gewaltig gerumst haben, als die nach unten gekracht ist! Es ist interessant zu erfahren, dass der Munte Jela mit seinen riesigen Schutthalden zusammen mit den Puez Spitzen und dem Piz Duleda zu den inselartigen Resten von Kreideablagerungen gehört, die man als „Puezmergel“ bezeichnet. Sie sind 145 bis 100 Millionen Jahre alt.

Bei diesem ersten Spaziergang bin ich wieder unzählige Male stehengeblieben und habe Blumen auf den grasigen Felsrändern am Weg fotografiert, das Blaue Mänderle (Paederota bonarota), das Alpen-Sonnenröschen (Helianthemum nummularium), den gemeinen Hornklee (Lotus corniculatus), das Drachenmaul (Horminium pyrenaicum), den wohlduftenden Seidelbast (Daphne cneorum), das gemeine Fettkraut (Pinguicula vulgaris) und verschiedene Arten von Steinbrechgewächsen. Der Abendhimmel war voller Wolken. Aber es war warm. Nach dem Abendessen habe ich noch mit Resi und Bruno geklönt und mich dann in mein Kämmerchen zur Nachtruhe zurückgezogen. Es war noch kein großer Betrieb auf der Hütte, und Stille kehrte alsbald ein.

1. Juli: Noch taten mir meine gequetschten Ohren weh, denn ich konnte schlecht darauf liegen. So habe ich nicht so gut schlafen können. Es wurde aber wiederum ein schöner und sonniger Tag. Ich wanderte nach dem Frühstück los ins Wasserinnental und lief bis zum Talschluss, von wo aus man auf der einen Seite in Richtung Roa und Sielles Scharte, geradeaus weiter ins Wassertal bis zum Torkofel, zur Furchetta, zur Wasserscharte und auf der anderen Seite bis zur Mittagsscharte und den Einstiegen in die Klettersteige zum Sas Rigais hoch kommt. Überall dort bin ich gewesen. Nur den Sas Rigais habe ich nie bestiegen. Das hätte ich nur in Begleitung gekonnt, die sich nicht gefunden hat während meiner Besuche. Aber auf den vielen Wegen zu den verschiedenen Scharten und dieselben hoch und runter, bin ich öfter als einmal in der Vergangenheit gelaufen. Jetzt konnte ich mich bei ihrem Anblick erfreuen und dabei an Erlebtes erinnern, wie im Wassertal an die frisch gehäutete Kreuzotter, die sich auf einem Felsen vor mir sonnte, oder an meinen „Fast-Absturz“ von der Roa Scharte und meinen Aufstieg auf den Piz Duleda, wobei ich mir ein Knie verletzt habe. Ach, und auch an die vielen Begegnungen unterwegs mit gleichgesinnten, fröhlichen Bergwanderern.

Auf den Wiesen seitlich der steinigen und trockenen Wasserrinne blühte das quirlblättrige Läusekraut, die Mehlprimel (Primula farinosa), verschiedene Grasnelken, der kriechende Günsel (Ajuga reptans), auch mal ein schwarzes Kohlröschen und der großblütige Enzian. In den weißen Steinen vom Flussbett zitterten die herrlich hellgelben Blüten des Alpen-Mohns und des etwas dunkleren Rätischen Mohns (Papaver rhaeticum) bei jedem kleinen Lufthauch. Deshalb sind sie auch so schwer zu fotografieren. Dazwischen befanden sich große Büschel vom gelben Brillenschötchen (Biscutella laevigata). Auch ein einsames kleines Alpenleinkraut (Linarea alpina) erfreute mich. Wie ich in der Hütte später erfuhr, gibt es das immer seltener. Dort, wo Zirben auf größeren Felsbrocken stehen, blühte schon der Almrausch und in dicken Polstern das stengellose Leimkraut (Silene arcaulis).

Als die Beine nicht mehr weiterwollten, ging ich zurück. Den Rest des Tages wurde ausgeruht. Dazwischen gab es immer mal Gelegenheit zu Gesprächen mit Manuela, Bruno oder Resi.

2. Juli: Herrlicher Sonnenschein begrüßte mich schon am frühen Morgen, später zogen dann immer dickere Kumuluswolken auf, und es wurde zunehmend schwüler. Aber zunächst frühstückte ich in aller Gemütlichkeit und machte mich dann auf den Weg zum Cuca Sattel quer über die Troier Alm. Es wurde wieder ein sehr blumenreicher und wunderschöner, auch altvertrauter Spaziergang. Nur dieses Mal bin ich über den Col Raiser auf dem Hauptweg bis zur Fermeda Hütte gelaufen, und von dort aus dann am Bach entlang durch die Matten der Mastle Alm bis zum Cuca Sattel hoch.

Am Fuß des Pic Berges leuchteten die kleinen Seen dort wie blaue Augen. Auch hier erfreute mich unterwegs wieder die Blumenpracht in den Felsbändern und am Wiesen- und Steinrasenrand entlang des Weges. Da gab es schon wahre Prachtstücke zu sehen: den bläulich-rosa Wald-Storchenschnabel (Geranium sylvaticum), das gelbe Brillenschötchen, alle möglich Kleesorten in Weiß, rosa und gelb, das gelbe Läusekraut (Pedicularis foliosa), die kugelige azurblaue Teufelskralle (Phyteuma orbiculare), den Berg-Baldrian (Valeriana montana) und verschiedene Steinbrechgewächse. Die Wiesen waren voller Orchideen, allen voran die verschiedenen Händelwurze und Kuckucksblumen. Über allem schwebte ein süßer Duft. Kurz vor dem Cuca Sattel hielt ich inne zum Gebet. Hier steht ein Kruzifix, bei dem man einhalten sollte. Es ist immer Zeit zum Danksagen.

Das Kruzifix vorm Cuca Sattel, 2.7.

Das Kruzifix vorm Cuca Sattel, 2.7.

Drumherum blühte auch hier schon der rostrote und behaarte Almrausch (Rhododendron ferrugineum) in dicken Büschen. Und dann stand ich wieder vor ihnen, den herrlichen Blüten des punktierten oder Tüpfel-Enzians (Gentiana punctata). Der Hang zum Pic Berg hoch ist voll von ihnen; dazwischen fand ich den Alpen Tragant (Astragalus alpinus), Alpen Helm (Bartsia alpina) und das Alpen Maßlieb (Aster bellidiastrum) und sogar noch die weiße Alpen Küchenschelle (Pulsatilla alpina).

So beglückt von den vielen Blumen „Sichtungen“ wanderte ich wieder zurück. In der Fermeda Hütte legte ich eine wohlverdiente Mittagspause ein. Gestärkt ging es danach zur Regensburger Hütte, einem langen Ausruhnachmittag und abendlichen Gesprächen mit Bruno und Resi zurück. Nachts brach die Hölle los mit einem sehr starken und vor allem langen Gewitter. Donner echote laut von den Berghängen. Und der gefallene Hagel blieb bis morgens liegen. Die Morgensonne taute ihn dann aber sehr schnell wieder weg. In St. Christina hatte der Blitz mehrfach eingeschlagen. Gewitter in den Bergen sind nichts für schwache Nerven.

3. Juli, ein Samstag: Gefrühstückt wurde wieder sehr früh. Draußen schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Alles war wie reingewaschen nach dem nächtlichen Donnerwetter. Auch die Hagelreste verschwanden ganz schnell.

Morgenstimmung mit Langkofel nach dem Gewitter, 3.7.

Morgenstimmung mit Langkofel nach dem Gewitter, 3.7.

Ich wanderte wieder zum Col Raiser und von dort aus zu den Cisle Steinen. Dieser gewaltige Felsabbruch vor Hunderten von Jahren von der Großen Fermeda hat mich immer wieder fasziniert, und ich habe ihn oft gemalt und skizziert. Dieses Mal ging ich nicht über die Piera Longia, eine Alm unterhalb der Kleinen und Großen Fermeda, wo meine Freunde aus St. Ulrich in einem Blockhaus dort oft Ferien gemacht haben, sondern wanderte unterhalb der riesigen Steine entlang. Dort fand ich herrliche Alpen-Waldreben (Clematis alpina), die Zweiblättrige Waldhyazinthe (Palanthera bifolia) – eine wunderschöne Orchidee, den kriechenden Günsel, Baldrian und Alpen-Zwergbuchs (Polygala chamaebuxus). Noch viel mehr Blumen waren an den Wegrändern zu sehen. Der Weg zurück zur Hütte war sehr steil und anstrengend für mich. Ich war froh eine lange Siesta einlegen zu können.

Am Nachmittag haben wir im Fernsehen das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien verfolgt. Der Fernseher auf der Hütte ist auch eine neue Errungenschaft. Auf das 4:1 für unsere Elf musste natürlich zünftig angestoßen werden. Dazu waren meine Freunde aus St. Ulrich zu Besuch gekommen. Wir haben lange erzählt von den so schnell vergangenen Jahren seit unserem letzten Treffen 2002 auf der Hütte. Diese war heute gut gefüllt mit italienischen Schulklassen. Abends gab es erneut ein Gewitter, allerdings nicht so heftig wie das in der Nacht zuvor, aber auch mit Hagelschauern. Bruno sorgte eisern für Hüttenruhe ab 22 Uhr, so wie sein Vater es vorher auch immer getan hat.

Die Sonnenuhr an der Regensburger Hütte, 3.7.

Die Sonnenuhr an der Regensburger Hütte, 3.7.

4. Juli, Sonntag: Nach dem Frühstück hieß es Packen, denn heute wird wieder umgezogen ins „Jägerheim“. Schnell sind die wenigen Tage auf der Hütte bei meinen Südtiroler Freunden vergangen. Der Abschied ist mir sehr schwer gefallen; denn wir werden uns wohl kaum noch einmal in diesem Leben wiedersehen. Joseph brachte mich vormittags bei schönstem Sonnenschein „runter“. Nach dem Wiedereinchecken im Hotel und Einzug in mein Zimmer bin ich zu einer 2005 neu gebauten Hütte hinter der Col Raiser Talstation gelaufen für ein leichtes Mittagessen. Wie oben auf den Almen entstand auch hier überall „Neues“ in den vergangenen Jahren. Allerdings weniger auffällig im Vergleich zu den vielen neuen und höchst modernen Bauten in St. Ulrich und Wolkenstein. Den Rest des Tages wurde nach der Rückkehr ins Hotel nur noch ausgeruht und gelesen. Resis Buch „Mein Leben auf der Hütte“ ist höchst spannend.

5. Juli: Nach dem Frühstück bin ich in den Ort gelaufen, um Zeitungen zu kaufen, zur Post zu gehen und einen Berg Postkarten einzustecken, am Bankautomaten Geld zu holen und mir im Touristenbüro wieder für drei Tage eine Gardenia Karte zu besorgen. Vom Planetenweg, den ich gegangen bin, hat man eine herrliche Aussicht auf das Grödner Joch und die Cir Spitzen. Und auf die Fischburg, die in ihrer Monumentalität mittelalterliche Wehrhaftigkeit vortäuscht. Sie ist, wie an anderer Stelle schon berichtet, seit 1926 im Besitz des venezianischen Barons Franchetti und für die Öffentlichkeit leider nicht mehr zugänglich. Ich habe sie mir ein paar Mal in der Vergangenheit wenigstens von außen angesehen. Die Burg liegt an der Grenze zwischen St. Christina und Wolkenstein.

Blick auf die Fischburg, 5.7.

Blick auf die Fischburg, 5.7.

Der Planetenweg ist auf der Trasse der früheren Grödnerbahn angelegt worden und dient als Promenade. Es ist der einzige Planetenweg in Südtirol. Die neun Planeten unseres Sonnensystems (zusammen mit unserer Erde) wurden hier in kleinem Maßstab angebracht und Tafeln gaben Auskunft über die wichtigsten Daten wie Durchmesser, Dichte, Entfernung zur Sonne, Anzahl der Monde, usw. Dem Betrachter sollten die Ausmaße des Alls vor Augen geführt werden. Im Sommer 2012 wurde der Planetenweg umgewidmet in den „Grödner Bahnweg“. 14 Tafeln stellen heute anschaulich die Geschichte der Grödner Bahn dar. Was aus dem Planetenweg geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Gardenia Hotel machte ich meine Mittagspause. Dann kam der anstrengende Rückweg ins Hotel, Siesta, Lesen, Schreiben und Ausruhen.

6. Juli: Zunächst war der Himmel bedeckt mit einer geschlossenen Wolkenschicht, aber dann kam später doch noch die Sonne zum Vorschein. Ich brach auf zum Marsch in den Ort zum Zeitungkaufen. Danach fuhr ich mit dem Bus nach St. Ulrich und von dort wieder mit der Seilbahn (samt Umsteigen) hoch zur Seceda. Obwohl der Weg zum Cuca Sattel und zu einer neuen Hütte in der Nähe, wo ich eine Mittagspause einlegen wollte, sehr steil und damit für mich sehr beschwerlich und anstrengend war, bin ich mit Hilfe meiner Stöcke wie ein Krebs seitwärts gut runtergekommen. Allerdings äußerst langsam. Wahrscheinlich sehr zum Amüsement der Zuschauer, die mich von der Hütte aus mit dem Fernglas bei meinem akrobatischen Abstieg beobachteten. Als ich unten ankam, wurde geklatscht. Ich sagte ihnen, sie sollten das mal in meinem Alter und mit meinen schmerzenden Knien nachmachen. Da waren sie still.

Ein sehr nettes schwedisches Wanderpaar setzte sich an meinen Tisch, und wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung. Ich zeigte und erklärte ihnen alle Blumen um uns herum, wofür sie sehr dankbar waren. Die Blütenpracht war auch hier wieder wunderschön, vom Almrausch über den Händelwurz in den Wiesen bis zum Tüpfelenzian und Steinbrech an den steinigen Wegrändern und auf den Matten. Von hier aus wanderte ich zurück bis zur Fermeda Hütte, wo ich zu einem Radler einkehrte. Die junge Wirtin gab mir danach einen Lift zurück ins „Jägerheim“. Die Wege sind jetzt alle so breit, dass man sie mit einem Jeep gut befahren kann. Sie musste runter in den Ort. Ich hatte mich mit meinem alten Bergfreund Karl im Hotel verabredet. Er war auf dem Weg zur Regensburger Hütte. Mit guten Gesprächen verging der Nachmittag, sodass er sich sputen musste, um nicht die letzte Seilbahn zum Col Raiser hoch zu verpassen.

7. Juli: Nach morgendlichem Aufklaren gab es wieder einen sonnigen und warmen Tag. Am Himmel segelten kleine weiße Wölkchen. Ich bin nach dem Frühstück wieder in den Ort gelaufen und dann mit dem Sessellift erst zum Monte Pana, nach dem Umsteigen in einem anderen Lift bis zum Monte Seura hochgefahren und danach bis zu dem Weg gelaufen, auf dem man den Langkofel umrunden kann. Die Aussicht von hier oben ist bei gutem Wetter einfach fantastisch. Und die Blumenpracht auf den „Confinböden“ – so nennt man die Bergwiesen am Fuße des Langkofels – ebenfalls.

In der Seura Hütte war „Jausen Pause“, dann ging es wieder per Sessellift hinunter. In St. Christina wanderte ich auf dem Planetenweg entlang zum Abschied und danach zurück ins Hotel. Den ganzen restlichen Nachmittag ruhte ich mich aus. Um 18 Uhr traf ich mich mit meinen Freunden aus St. Ulrich im Hotel zum Abendessen. Sie gehören genauso wie die große Regensburger-Hütten-Familie zu meinen Dolomitenjahren. Es wurde eine lange Unterhaltung, und es war wieder sehr schön unsere Gedanken austauschen zu können.

8. Juli: Die Wolken hingen tief. Als ich nach dem Frühstück mit der Seilbahn zum letzten Mal zum Col Raiser hochfuhr, steckte ich noch mitten drin, sah aber schon, dass die Sonne nicht mehr fern war. Die ganze Landschaft und vor allem die Berge waren in weiße Umhänge gehüllt. Es sah richtig gespenstisch aus. Ich wanderte die Troier Alm ein Stück hoch. In der Fermeda Hütte legte ich eine Mittagspause ein. Auf dem Rückweg fand ich hinter dem Col Raiser Hotel unterhalb der Seilbahnstation tatsächlich ein paar Türkenbundlilien. Die hat es hier oben mal in großen Mengen gegeben. Jetzt stehen sie nur einzeln an Steilhängen, wo niemand hinkommt. So richtig nahe heran kam ich auch nicht, daher ist das Foto auch nicht besonders gelungen.

Zurück im „Jägerheim“ sortierte ich meine sieben Sachen zusammen. Meine fast neuen Bergstiefel und den Rucksack schenkte ich der Hotelmanagerin. Beides würde ich nicht mehr brauchen; denn ich glaube kaum, dass ich jemals wieder eine solche „Bahnodyssee“, wie bei der Herfahrt erlebt, über mich ergehen lassen möchte. Mir stand da ja auch noch die Rückfahrt bevor, die mit Streiks bei der italienischen Bahn verbunden noch abenteuerlicher wurde. Den ganzen Tag lang war ich in wehmütiger Abschiedsstimmung und hatte auch allen Blumen „Ade“ gesagt. Jetzt wird mich ihr Anblick hier an dieser Stelle im Blumenalbum erneut zutiefst erfreuen. Damit will ich zufrieden sein.

Das Kruzifix oberhalb vom Col Raiser, 8.7.

Das Kruzifix oberhalb vom Col Raiser, 8.7.

9. Juli: Abschied von den Dolomiten! Ein klarer und sehr heißer Sommertag lag vor uns. Ich war um 5 Uhr aufgestanden und begann den Tag nur mit „Katzenwäsche“. Nach dem Fertigpacken frühstückte ich schnell. Die Hotelmanagerin brachte mich mit dem Auto bis nach zum Bahnhof in Brixen. Leider fuhr sie, nachdem sie mich ausgeladen hatte gleich weiter; denn sie hatte einige wichtige Dinge in der Stadt zu erledigen. So hat sie gar nicht mehr mitbekommen, dass die Bahnangestellten, Lokführer und das ganze Bahnpersonal streikten. Gähnende Leere herrschte an allen Schaltern und auf den Bahnsteigen. Nur kleine, an die Fensterscheiben geklebte Zettel informierten uns mit einer kurzen Feststellung, dass gestreikt wird. Eine immer größer werdende Menge ratloser Touristen stand herum. Ich tat mich mit einigen davon zusammen, die auch nach München wollten. Wir konnten uns dann per Handy tatsächlich Taxis organisieren, die uns erstmal bis zur österreichischen Grenze am Brenner brachten. In Österreich wurde nicht gestreikt. Und dort am Brenner standen nun auch alle Züge, die nach Italien wollten und nicht mehr weiterkamen.

Es herrschte ein heilloses Chaos, bis endlich ein Zug zurück fuhr bis nach Innsbruck. Von dort kamen wir dann mit einem weiteren Ersatzzug endlich bis nach München. Natürlich waren unsere Anschlusszüge schon längst weg. Ich hätte es an diesem Tag nur noch bis nach Leipzig geschafft und dort bis zum nächsten Morgen warten müssen auf einen Zug nach Magdeburg. So stieg ich nach einem Anruf bei Freundin Gisela in Halle in Naumburg aus und nahm von dort einen Zug nach Halle, wo ich gegen 23 Uhr eintraf. Wir haben noch bis weit nach Mitternacht geklönt, dann bin ich völlig k.o. ins Bett gefallen. Und das alles an einem der heißesten Tage in diesem Sommer! Im Eisacktal hatten sie knapp +40°C! Auch in Halle war es sehr warm gewesen.

10. Juli: Ich hatte von all den Blumen in den Alpen geträumt. Und konnte nach einem gemütlichen Frühstück bei meiner Freundin dann am Vormittag auch endlich mit einer Regionalbahn nach Magdeburg fahren. Meine letzte Dolomiten Reise war nun zu Ende gegangen. Zwar ein wenig anders, als ich es geplant hatte, aber wer weiß schon, wozu solche ungeplanten „Unterbrechungen“ gut waren?

Blühender Türkenbund, 8.7.

Blühender Türkenbund, 8.7.

Es folgt das Blumenalbum als PDF-Datei:

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