1992: Athen, Karpathos und Kassos

Athen und die Dodekanes Karpathos und Kassos vom 6. bis 27. September 1992

Ich hatte viel über die Insel Karpathos gehört und wollte immer mal dorthin. Diese Insel konnte ich nun endlich in Begleitung meiner Nichte besuchen. Sie war zu der Zeit unseres Besuches „touristisch“ noch nicht voll erschlossen und hatte noch wunderschöne architektonische Perlen in den alten Bergdörfern, herrliche Badebuchten und großartige Landschaften anzubieten.

Am 6. September, einem Sonntag, begann unsere Reise mit dem Flug von Frankfurt nach Athen, wo Stratos, mein treuer Freund am Flughafen auf uns wartete und jedem von uns eine plastische Muschelschale voller schönster, duftender Blüten zur Begrüßung überreichte.

Begrüßungsblumen, 6.9.1992

Begrüßungsblumen, 6.9.1992

Im mir ja schon vertrauten Hera Hotel unterhalb der Akropolis waren wir untergebracht. Wir packten unsere Koffer und Taschen aus und stiegen sofort auf die Akropolis hoch. In den vergangenen Tagen hatte ein starker Nordwind die brütende Hitze (täglich bis zu +36°) und die Luftverschmutzung weg geblasen. Weil die Ticketverkäufer streikten, verschafften wir uns durch eine Seitentür im Zaun „kostenlosen“ Zutritt zur Akropolis und nutzten diese Chance zu einem schnellen Rundgang. Wir waren auf dem berühmten Tempelberg fast allein und wanderten danach noch durch die Altstadt Plaka.

Dann holte uns Stratos ab zu einer Stadtrundfahrt. Der Moloch Athen wächst und wächst immer weiter! Und damit auch die verheerende Verschmutzung der Umwelt. Schlafen konnten wir nur mit Oropax in den Ohren. Der Verkehrslärm geht über jeden Dezibelwert hinaus, der bei uns zugelassen ist. Wir hatten glücklicherweise ein Zimmer zu einem Innenhof hin, so war der Lärm wenigstens etwas „gedämpft“. 7.9.: Nach dem Frühstück sind wir nochmal durch die Plaka gebummelt, bis Stratos uns zur Fahrt nach Marathon abholte. Sein in Marathon in der Zwischenzeit gebautes Haus ist fertig. Der Weg dorthin führte uns über das Pendeli Gebirge. Es herrschte kaum Verkehr, denn die Schulen hatten in Griechenland nach den Sommerferien wieder begonnen, und auch die Wochenendausflügler waren wieder in Athen zurück. Vom Pendeli Gebirge aus, das gezeichnet ist von den riesig großen Narben der Marmor-Steinbrüche, war die Aussicht leider verhangen. Dennoch wehte immer noch ein starker Nordostwind, der die Temperaturen erträglich machte. Im neuen Haus von Stratos wurden wir herzlich von seiner Frau und seiner Mutter begrüßt.

Wir machten einen langen Spaziergang am langen, schönen Strand der Bucht voller interessanter und farbiger Kieselsteine (kein Sammeln diesmal!). Meine Nichte, eine totale Wasserratte und Stratos stürzten sich ins Wasser. Nach dem Mittagessen ging es zurück nach Athen. Und nach unserer Siesta durchstreiften wir nochmals die Altstadt Plaka unterhalb der Akropolis.

Am nächsten Tag (8.9.) holte uns Stratos um 9 Uhr ab zur Fahrt nach Sounion. Fast zugebaut ist in der Zwischenzeit der Küstenstreifen von Athen bis nach Sounion. Überall breiten sich südlich von Athen Wohnsiedlungen aus, auch in den Hügeln dahinter! Welch ein Wechsel zur ersten Fahrt nach Sounion im Jahr 1962! Sogar seit meinem letzten Besuch im Juni 1991 sind Hunderte anscheinend keinen baulichen oder architektonischen Richtlinien oder Regeln unterliegende Häuser und Gebäude dazu gekommen. Stratos fand unser Entsetzen etwas komisch, für ihn als Athener ist es völlig „normal“, ein Haus außerhalb der Stadt zu besitzen, um wenigstens am Wochenende saubere Luft einatmen zu können. Dass man auf diese Weise mit der aus Athen jedes Wochenende heraus und wieder hinein rollenden Blechlawine die Umweltprobleme der Stadt an die Küste verlagert, wird mit einem Schulterzucken abgetan. Nur Baden würde er hier im Meer nicht mehr, da das Wasser sehr verschmutzt sei! Den Poseidon Tempel zu erleben, und das fast ohne Touristen, war wieder wunderschön. Hier stehen die Zeugen der alten Zeit noch, zu denen Abertausende Besucher heute und wohl auch weitere Hunderte Jahre lang hin pilgern werden, wenn sie nicht schon vorher durch die von den Menschen geschaffene Umweltverschmutzung zerstört worden sind.

Nach der Rückkehr ging es durch den Stadtpark zum Syndagma Platz, wo früher die Schwammverkäufer ihre Ware anboten. Wir sahen uns die Ablösung der Wache am Regierungsgebäude an. Die alten Preußen wären vor Neid erblasst, wenn sie diese mit tänzerischen Posen und spielerischen Stechschritten verbundene Ablösung gesehen hätten. Das einzige Geräusch dabei war das Gleiten der mit Nägeln versehenen Schuhsohlen der Gardesoldaten auf den Steinplatten. Es war ein echtes Spektakel, das kein Griechenlandbesucher auslassen sollte aus seinem Reiseprogramm, vor allem, weil es so liebenswert „unzackig“ ist.

Wachwechsel am Syndagma Platz, 8.9.

Wachwechsel am Syndagma Platz, 8.9.

Danach statteten wir noch der römischen Agora einen Besuch ab und wanderten dabei auch wieder durch die Plaka.

Am Tag darauf, 9.6., wehte ein sehr starker Nordostwind. Dadurch war es direkt angenehm in Athen mit viel weniger Benzingestank, als sonst. Aber die Banken streikten, die Postämter teilweise auch, was ziemlich problematisch ist, weil man einen Briefkasten finden muss, der geleert wird. Dazu streikten nun auch noch die Müllmänner. Auch mit der Stromversorgung hapert es in Athen hin und wieder. Das gehöre eben zum Alltag in Griechenlands Hauptstadt, sagt Stratos. Nach dem Frühstück besuchten wir zuerst das Zappeion mit den Resten des ehemals sehr großen Zeus Tempels, eine wunderschöne korinthische Anlage. Danach ging es durch die Plaka bis zur griechischen Agora, auch ein riesiges Areal mit dem Theseus Tempel (auch Tempel des Hephaiston genannt), bei dem die Umweltverschmutzung besonders an den Säulen zu sehen ist. Einen Mittagsimbiss nahmen wir ein in der Nähe vom Turm der Winde in einer kleinen Taverne in der Plaka. Am Spätnachmittag besuchten wir nochmals die Akropolis. So konnten wir, fast ohne über andere Akropolis Fans zu stolpern den Abend zwischen den edlen Säulen bis zum „Schlusspfiff“ genießen. Wenn nur die Aussicht auf den immer weiter wuchernden Stadtriesen und der infernalische Verkehrslärm nicht wären!

Am nächsten Tag (10.9.) begann unser Inselaufenthalt mit dem etwa einstündigen Flug nach Karpathos. Stratos brachte uns zum Olympic Airways Flughafen. Der Flug ging in 6000 m Höhe über die westlichen Zykladen. Milos war besonders klar und gut zu erkennen. Dann sahen wir Kreta rechterhand, und die Maschine begann den Anflug auf Karpathos in einer großen Schleife über die kleine Nachbarinsel Kassos. Im „Romantica“ Hotel in Pigadia waren wir untergebracht. Ein Taxi brachte uns vom Flughafen dorthin.

Karpathos

Karpathos

Die Beschreibungen in manchen Reiseführern von Karpathos als „Trauminsel“, die da so am Rande des Tourismus dahin schlummert, treffen leider nicht mehr zu. Das konnten wir, zumindest was die „Hauptstadt“ Pigadia betrifft (heute Karpathos genannt), sofort feststellen. Es gibt nur noch ganz wenige der typischen karpathiotischen Häuser in Pigadia. Der auch hier in den Mitachtzigern in Griechenland „wild“ eingesetzte Bauboom hat das Stadtbild verändert. Leider nicht zum Guten. Die sonst für eine Insel so typische „Hafenstadtatmosphäre“ ist verschwunden. Auf den Bergen der Insel hingegen war zur Zeit unseres Besuches die Welt noch in Ordnung. Vor allem in dem bis zur Zeit unseres Besuches nur mit dem Boot bis Diafani und dann mit dem Bus von dort aus erreichbaren Ort Olympos (auch Olymbos genannt) spiegelte sich noch unverfälschte Inselarchitektur wider. Und glücklicherweise auch noch in anderen Bergdörfern, wie wir dann herausgefunden haben. Unser Hotel „Romantica“ ist auch ein Neubau und liegt ca. 1 km von der Stadt entfernt.

Es gibt gute Angebote von verschiedenen örtlichen Reisebüros für Tagesausflüge nach Diafani und Olympos, sowie zu den im mittleren Teil der sehr gebirgigen Insel gelegenen Badebuchten, und auch mit dem Bus in den westlichen Teil der Insel. Ich mietete uns dennoch einen Motorroller, damit wir erstmal „mobil“ sind. Wir unternahmen noch einen ersten „Orientierungsspaziergang“ am Nachmittag bis zum Hafen und durch Pigadia hindurch. Dabei kamen wir vor der Stadt an der Ruine der byzantinischen Basilika Agia Fotini aus dem 5., 6. Jahrhundert vorüber.

Abends wanderten wir zu einer, vom Hotel in etwa 2 km Entfernung gelegenen Taverne, die man der alternativen Szene zuordnen könnte. Die ganze Umgebung der Taverne sieht aus wie ein Zigeunerlager, aber das Essen war hervorragend und die Portionen riesig. Wie es scheint, wird diese Taverne vor allem von Familien mit Kindern frequentiert. In der Nacht kam ein heftiger Sturm auf. Am 11.9. besorgte ich uns dann den Motorroller. Die erste Fahrt ging mit einigen Schwierigkeiten los. Das „low gear“ ging sehr schwer, das automatische „high gear“ so ruckartig, dass man jedesmal das Gefühl hatte, man wird von hinten geschoben. Aber bis nach Amopi im Süden der Insel sind wir gut hingekommen und fanden dort eine herrliche Badebucht mit ganz klarem Wasser. Wenn man darin stillsteht, zupfen einen lauter kleine Fischchen an den Beinhaaren. Die Farben vom Meer sind wunderschön, von tiefblau bis Türkis. Dazu eine heiße Sonne, was will der Mensch mehr!

Auch gewöhnten wir uns wieder an die tägliche Siesta nach dem Mittagessen, wann immer das möglich war. Am 12.9. sind wir nach dem Frühstück wieder nach Amopi zum Baden gefahren. Leider fegte nach wie vor ein starker Wind aus Nord und Nordost. Das Motorrollerfahren war ganz schön schwierig bei den plötzlichen Windböen. Aber die Fahrt durch die Berglandschaft war wunderschön. Der Wind trägt den Duft von Kiefern, Thymian, Baldrian und Harz mit sich.

In den Buchten von Amopi wehte ein recht kühler Wind. Wir brachen unsere Zelte deshalb mittags schon ab. Nach der Siesta im Hotel sind wir nach Pigadia gefahren, haben einen ausgiebigen Hafen- und Stadtbummel unternommen, auch zum Friedhof mit einer schönen Kapelle.

Dabei fanden wir tatsächlich noch einige der alten, übrig gebliebenen schönen Häuser in der Stadt. Nach dem Abendessen habe ich den Motorroller umgetauscht. Der war ganz einfach mit zwei Personen beladen zu lahm, wenn es bergauf ging. Der „neue“ ist „mehr auf Zack“ und brachte uns ohne Schwierigkeiten nach oeben.

Der nächste Tag war ein Sonntag (13.9.). Nach dem Frühstück fuhren wir nach Menetes, das ca. 8 km von Pigadia entfernt liegt. Es ist ein typisches karpathiotisches Bergdorf, das am Hang des Ilias Gebirges liegt. Hier findet man noch viele der für diese Insel so charakteristischen Häuser, die mit den typischen Pastellfarben hellblau, hellgelb, Ocker und hellbraun bemalt sind. Wir durchstreiften den Ort durch viele enge Gassen, was mit jeder Menge Treppensteigen verbunden war. Der Wind fegte wieder über die Berge auf dem Weg nach Arkassa, einem Ort, 16 km von Pigadia entfernt an der Westküste. An Baden war dabei nicht zu denken. Wir fuhren daher weiter bis zum kleinen Fischerhafen Finiki und hatten unser Mittagspicknick bei der hochgelegenen, kleinen Kirche, die umgeben ist von dicken Distelkissen und bizarren Felsen mit Ausblick auf ein tiefblaues Meer voller weißer Schaumkronen.

Nach der Rückfahrt brachte ich meine Nichte zum Baden an den Strand nicht weit entfernt vom Hotel. Und fuhr selbst nach Pigadia für einige Einkäufe. Der Wind frischte über Nacht gewaltig auf und drehte am 14.9. gegen Morgen auf Nordwest/West, auf unserer Seite der Insel „ablandig“. Also war erstmal bis mittags Ruhetag angesagt, um die weitere Entwicklung abzuwarten. Zeit also für einen Bummel durch Pigadia und zu einem Besuch im dortigen Arts Center. Dort lernten wir den Maler Minas Vlahos kennen, der sehr interessante Bild produziert, die viel von der griechischen Mythologie widerspiegeln. Wir haben beide je ein Bild von ihm gekauft. Es sind Unikate, die wirklich eine einzigartige Erinnerung an Karpathos darstellen.

Danach haben wir in der Bucht von Pigadia am Strand in Hotelnähe Sonne getankt und sind geschwommen, als der Wind etwas nachließ. Wir lernten schnell, dass der September ein „Windmonat“ ist. Am 15.9. fegte ein derartig starker Wind über die Insel, dass wir von unserer geplanten Motorrollerfahrt nach Aferi und Othos abgesehen haben. Dafür fuhren wir bis zum Elektrizitätswerk nördlich von unserem Hotel, parkten unseren fahrbaren Untersatz und stiegen zur Kapelle Agios Nicolaos hinauf, die sich dort, umgeben von dichtem Kiefernwald, befindet. Von der Kapelle aus hat man einen weiten Blick auf die Bucht  und die Stadt Pigadia bis zu den Bergen im Süden der Insel.

Den Rest des Tages widmeten wir der Sonne und dem Baden. Wir erhielten vom Hotel einen Granatapfel geschenkt und probierten die Frucht aus – sehr erfrischend! Am nächsten Tag war Windstille – endlich! Ich hatte mit dem örtlichen Reisebüro von TUI einen Wandertag gebucht. Meine Nichte wollte nicht mitkommen und in der Zeit Baden gehen am Strand in der Nähe vom Hotel. Die Wandergruppe bestand fast ausschließlich aus Holländern. Es ging zunächst mit dem Bus von Pigadia über Aperi, Volada, Othos bis zum kleinen Bergdorf Stes. Hier stiegen wir aus. Der Bus fuhr zurück nach Volada, zum Ziel unserer Wanderung und wartete dort auf uns. Unser Weg führte uns bergauf und auf Eselspfaden durch die Landschaft. Uns erschloss sich eine karge Bergwelt voller Distelbüsche, Bergkiefern und Zypressen.

Disteln am Wegesrand, 7.9.1992

Disteln am Wegesrand, 7.9.1992

Anissträucher und Thymian Büsche verbreiteten beim Durchstreifen würzige Düfte. Kleine Bauernhöfe erschienen weiß gekalkt mit blauen Fensterläden und Türen wie Farbtupfer zwischen den braunen und grünen Farben der Berge ringsherum. Diese Landschaft, sehr karg und steinig, erschließt sich dem Besucher nur sehr langsam, wird dann aber, so war jedenfalls mein Empfinden, zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Ich war als Einzige „angepasst“ gekleidet mit meinen Jeans und Bergschuhen. Mein Pflastervorrat, den ich bei Wanderungen in den Bergen immer bei mir trage, klebte bald an holländischen, von den Distelbüschen zerkratzten Beinen. Im griechischen Gebirge geht man eben nicht in Shorts wandern. Die 7½ km bis nach Othos vergingen viel zu schnell. Hier und auch in Volada findet man noch viele der schönen, typischen Bergdörfer-Häuser. Nachmittags ging ich dann mit zum „Hausstrand“, wo meine Nichte schon den Vormittag verbracht hatte. Kaffee am Hafen, Spaziergang in Pigadia und Abendessen in einer Taverne gegenüber vom Hotel rundeten den schönen Tag ab.

Eingangsportal in Pigadia, 17.9.1992

Eingangsportal in Pigadia, 17.9.1992

Am 17.9. legten wir einen „Faulenzertag“ ein mit Stadtbummel in Pigadia zum Einkaufen. Ich habe den Motorroller abgegeben. Danach haben wir an der Küste von Pigadia Kieselsteine gesucht – und nur ein paar ganz besonders schöne gesammelt!, uns in der Sonne geaalt und gebadet. Schöner kann kein Urlaub sein. Es ist mollig warm mit nur wenig Nordwestwind, der aber nicht weiter stört. Wir haben in einem Reisebüro in Pigadia verschiedene Ausflugsfahrten gebucht und dann in der Stadt noch eine deutsche Künstlerin besucht, die schon über 15 Jahre lang nach Karpathos kommt und oft auch hier in der Inseleinsamkeit überwintert (denn dann kommen keine Touristen). Ihre abstrakten Seidenmalereien sind sehr farbenfroh und spiegeln das herrliche Licht hier perfekt wider. Sie wohnt in einem der wenigen noch in Pigadia existierenden alten karpathiotischen Häuser. Der Maler Vlahos hatte uns von ihr erzählt und den Besuch vermittelt.

Am folgenden Tag (18.9.) unternahmen wir die erste gebuchte Tagesfahrt mit dem kleinen Schiff „Olympos Express“ nach Agios Minas, einer traumhaft schönen Badebucht voller flacher, bunter Kieselsteine an der Ostküste von Karpathos. Vorher sind wir noch in die Bucht bei Kyria Panagia eingefahren, um einige Besucher dort auszubooten. Beide Buchten sind (noch) nicht mit Autos oder Mopeds zu erreichen, möge es auch noch lange so bleiben! (Anmerkung: Das war „wishful thinking“ – heute kommt man in fast jede Bucht auf der Insel mit dem Auto und Motorrad, und auch nach Olympos führt eine Straße über das Gebirge!).

Nach einem herrlichen Badetag besuchten wir auf dem Rückweg noch kurz die wohl schönste Bucht von Karpathos, die Apella Bucht, um einige Leute von dort abzuholen. Die Wassertiefe beträgt dort fast 10 Meter, und das Wasser ist Türkisfarben und glasklar. Meine Nichte nahm ein Bad, vom ankernden Boot ins Wasser springend. Ich habe „gekniffen“.

19.9.: Die Post streikt noch immer. Wir spazierten den ganzen Vormittag durch Pigadia und sind zu den beiden Kapellen auf und über dem Friedhof hoch gestiegen. Ich habe dort fast eine meterhohe, aus einer dicken Zwiebel wachsende Blumen mit kleinen weißen Blüten skizziert (eine Lilienart – Urgenia maritima). Wir beobachteten die Ein- und Ausfahrt des großen Fährschiffes von Piräus. Warmer Wind, tiefblaue See – schön…

Der restliche Tag wurde gebadet, gesonnt, gefaulenzt…Gegen Abend sind wir zu unserem Stammcafé am Hafen gepilgert und haben „warmes“ Bier getrunken. Die Bedienungen finden das überall urkomisch, dass hier zwei Deutsche kein eiskaltes Bier mögen. Am nächsten Tag (ein Sonntag) ging unser nächster, gebuchter Tagesausflug zur Nachbarinsel Kassos.

Kassos

Kassos

In der Nacht hatte der Nordwestwind wieder zugenommen. Aber die kleine „Olympos Express“ fuhr tapfer los mit etwa 30 Passagieren, von denen dann ein großer Teil alsbald seekrank wurde. Wie eine Nussschale ging es ganz schön hoch und runter. Meine Nichte und ich hatten uns vor der Brücke vorne fest „verankert“ und genossen das Schaukeln. Bloß nicht nach hinten sehen, wo die Spucktüten herumgereicht wurden und viele der Seekranken über der Reeling hingen und Poseidon „opferten“. Die See hatte lange, hohe Brecher und vom Wind regelrecht zerfaserte Schaumkronen. Kassos ist eine kleine, felsige Insel, die wohl am meisten von der Auswanderung der Griechen, vor allem in die USA, betroffen ist. Angesichts der vielen leerstehenden und dem Verfall preisgegebenen Häuser wird der Besucher ganz melancholisch. Wir wanderten durch zwei Dörfer und genossen dennoch diesen etwas sehr vom Winde verwehten Tag.

Die Rückfahrt war dann glücklicherweise weniger schauklig. 21.9.: Nach dem vortäglichen Herumwandern auf Kassos in der doch recht knapp bemessenen Aufenthaltszeit bei einem Tagesausflug, haben wir wieder einen faulen Tag eingelegt, viele Postkarten geschrieben und dann in Pigadia einige Einkäufe erledigt. Auf der Post versicherte man uns, dass die Postkarten auch tatsächlich verschickt würden (Anmerkung: Wurden sie auch!). Man arbeite nur genau nach vorgeschriebener Zeit, was immer das in Griechenland heißt. Danach wurde am Strand in Hotelnähe gesonnt, gebadet und nichts getan.

Am 22.9. führte uns ein weiterer Tagesausflug nach Olympos. Wir fuhren mit dem Schiff (wieder der „Olympos Express“) zuerst nach Diafani und dann mit dem Bus bis ins hochgelegene Bergdorf Olympos, das dort wie ein Juwel liegt. Man parkt unterhalb des Dorfes und muss dann die verschiedenen Dorfteile erklettern. Es gibt keine Autos im Ort. Die Maulesel sind (noch) das Transportmittel für alles. Olympos ist wohl das interessanteste Dorf auf der Insel, wurde um 1420 erbaut und ist voller alter karpathiotischer Häuser („Karpathos – Griechische traditionelle Architektur“, Verlag MELISSA, 1992).

Blick auf Olympos vom Busparkplatz, 22.9.

Blick auf Olympos vom Busparkplatz, 22.9.

Die alten Traditionen werden bewahrt. Lebensstil, Kleidung, Sitten und Gewohnheiten sind zum Teil noch wie vor 100 Jahren. Es gibt derzeit ca. 600 Einwohner. Nur zögernd hat man sich dem Tourismus geöffnet. Zwei kleine Schiffe (eines davon unsere „Olympos Express“) bringen zurzeit Touristen und alles Lebensnotwendige von Pigadia bis nach Diafani.

Aber es gibt bereits drei kleine Hotels im Dorf und jede Menge Tavernen, Kafenions und natürlich Souvernirläden. Vom 750 m hoch gelegenen Parkplatz aus, den wir mit dem Bus nach einer atemberaubenden Fahrt von Diafani in vielen Serpentinen erreicht hatten, eröffnete sich uns ein spektakulärer Ausblick auf das Dorf. Wir hatten vier Stunden Zeit den Ort, der am Hang eines steilen Gebirgskammes liegt, zu durchstreifen. Drei der noch vorhandenen Windmühlen sind in Betrieb und wurden gegenwärtig als Museum umgerüstet. Frauen backen in Gemeinschaftsbacköfen ihre Brote. Man kann Gebäck frisch aus dem Ofen kaufen. Viele schöne Häuser zeugen von der alten Pracht und werden augenscheinlich auch gut erhalten und gepflegt.

Sehr müde vom vielen Treppensteigen im Ort und den Eindrücken aus diesem alten griechischen Bergdorf beendeten wir den wunderschönen Tag nach unserer Rückkehr in Pigadia in einer Taverne am Hafen mit Abendbrot und einem Ouzo. 23.9.: Über Nacht nahm der Wind erneut zu und drehte zunächst auf Nord. Wir hielten es nicht lange aus am Strand in Hotelnähe. Nach dem Mittagsimbiss und der obligatorischen Siesta ging es dann zum Stadtbummel, Kaffetrinken, Einkäufe erledigen, Post abliefern und zum Abendbrot wieder nach Pigadia. Nachts drehte der Wind auf Nordost und begleitete heulend mit Stärke 6 einen ziemlich unruhigen Schlaf, weil ja immer irgendwo etwas Loses penetrant klapperte. Sollte unser Urlaub etwa sturmdurchbraust zu Ende gehen?

Auch am 24.9. war Sturmtag mit großen weißen Schaumkronen auf den Brechern in der Bucht von Pigadia. Weiter draußen konnten wir durchs Fernglas eine wild aufgewühlte See sehen. Der geplante Ausflug zur Apella Bucht fiel aus. Kein Schiff fuhr bei diesem Wetter. Und doch strahlte über allem Windgeheule eine herrlich warme Sonne. Wir beschlossen daher einen Ausflug nach Volada und Othos zu unternehmen und quetschten uns mit dem griechischen Bauernvolk und einem Popen zusammen in den vollgestopften Bus nach Othos. Allein diese Fahrt war den Ausflug wert. Lautstarke Debatten über Gott und die Welt… Es war herrlich.

Vor Volada auf Karpathos, 24.9.

Vor Volada auf Karpathos, 24.9.

Von Othos wanderten wir dann zurück bis nach Volada – sahen uns einige der alten Häuser dort an, besuchten zwei Kapellen (wo die überall hin gebaut worden sind ist auch atemberaubend) und fuhren mit dem Bus wieder zurück nach Pigadia. Der Sturm hat gegen Abend nachgelassen. Wir beschlossen den Tag in einer sehr alten Taverne im Hafen von Pigadia. Am nächsten Tag (25.9.) hatte es sich (fast) „ausgeblasen“. Für meine Nichte wurde es ein Bade- und Sonnentag in der Pigadiabucht. Für mich ging es nach Verschicken unserer letzten Ansichtskarten in Pigadia nochmals zum Skizzieren. Leider musste ich mir dafür gerade das Haus von zwei verrückten Frauen aussuchen, die mich kurzerhand verjagten. Aber die Skizze ihres Hauses war mehr oder weniger schon fertig geworden, also was soll’s.

Wir mussten uns am Strand dann doch noch „Sturmburgen“ aus unseren Handtüchern und Liegestühlen bauen, um nicht mit Sand vollgeweht zu werden, denn der restliche Wind fegte direkt in die Bucht hinein. Es wurde dabei auch ziemlich kühl. An Baden war gar nicht zu denken. Wir haben gelesen. Nach der Siesta ging es dann zum letzten Mal zum Kafenion am Hafen. Wo wir aber auch nicht draußen sitzen konnten des Windes wegen. Wir genossen das Treiben draußen „von innen“.

Für die Fahrt zum Flughafen am nächsten Tag buchten wir ein ziemlich klapprig aussehendes Taxi. Hoffentlich zerfällt es bei der Fahrt nicht in seine Einzelteile. Abschiedsabendessen in der Taverne gegenüber vom Hotel, und an der Hotelbar gab es einen letzten Ouzo. 26.9.: Frühstücken, Packen und Warten aufs Taxi zum Flughafen. Das Wetter hatte sich beruhigt. Nur eine sanfte Brise gab es noch aus Nordwest….und: das Taxi schaffte es bis zum Flughafen! Der Flieger nach Athen war voll besetzt. Es ging wieder über Kreta und die Zykladen-Inseln. Stratos holte uns ab. Wir kamen im Hotel „Dimitrios“, einem alten Athener Hotel gleich in der Nachbarschaft der Akropolis unter. Wir nahmen Abschied von Stratos, der zu einer Taufe musste als Pate. Und wanderten durch die Plaka zum Andenken Kaufen.

Typische Handstickerei auf Karpathos, 25.9.1992

Typische Handstickerei auf Karpathos, 25.9.1992

Wieder mit Oropax in den Ohren zu schlafen versucht, was nur teilweise gelang. Der Verkehrsfluss auf einer Nord-Süd-Hauptverkehrsstraße unter unserem Fenster (diesmal lag unser Zimmer noch vorne zur Straße hin) riss die ganze Nacht nicht ab und wurde zusätzlich noch begleitet von lauter Diskomusik aus der Nachbarschaft. Wieder an einem Sonntag flogen wir am 27. September zurück nach Frankfurt. Unser herrlicher Urlaub war zu Ende.

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