Das Ende von GATE und vom AT-Forum

Einer der auf der Tagung am 09. Juli 2007 anwesenden, damaligen GTZ-Geschäftsführer wies in seiner Begrüßungsansprache daraufhin, dass die Teilnehmer der Tagung doch eher zu einer „Jugendweihe“ (die Rede war vom „Schritt ins Erwachsenenalter“…), als zu einer „Beerdigung“ von GATE und dem AT-Forum eingeladen worden waren. Das sahen aber die meisten der Anwesenden total anders. Vor allem diejenigen, die ab 1977 für die Abteilung GATE in der GTZ gearbeitet haben. Wir, damit sind die ehemaligen GATE Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gemeint, gaben dieser GTZ-Abteilung mit ihren vielen eigenen Projekten und Programmen eine „Corporate Identity“, die vielerorts in der Dritten Welt und auch hierzulande noch heute bekannt ist, wie schon oben erwähnt.

Eine Vertreterin des BMZ versuchte bei der Tagung dem Geschäftsführer der GTZ in seinen Ausführungen über die „Beerdigung“ von GATE beizustehen. Sie vermisse „die Leiche“ bei der Beerdigung. Wie wahr! Wir „GATE VertreterInnen“ bekundeten auf der Tagung dann auch ziemlich eindeutig unsere Auffassung: GATE ist tot, es lebe GATE! Der damalige Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED), der ebenfalls auf der Tagung anwesende Vorsitzende des AT-Forums, sowie ein anwesender Abteilungsleiter von Misereor zogen eine „Wiederbelebung“ beider Institutionen in Erwägung, von denen wir uns bei dieser Tagung ja eigentlich verabschieden sollten, und das gemeinsam mit VENRO, dem Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen in Deutschland. Leider ist daraus nichts geworden.

Die im Tagungsthema gestellte Frage „Angepasste und neue Technologien – noch ein Thema für die EZ?“ haben wir damals mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Zur Umsetzung dafür würden nach meiner Auffassung auch heute noch die jahrzehntelangen Erfahrungen von GATE und vom AT-Forum von großem Nutzen sein. Das Ergebnis dessen, was von GATE initiiert, in Bewegung gesetzt, gemeinsam mit unseren Partner in den Entwicklungsländern geplant und durchgeführt wurde, konnte bereits damals schon in einige GTZ-Sektor Programme und Vorhaben mit einfließen. Fast alle Tagungsteilnehmer waren sich darüber im Klaren und bestätigten dies auch in ihren Beiträgen, dass die Zukunft der angepassten Technologien gerade erst begonnen hat. „Wir von GATE“ haben auf der Tagung unsere Leistungen in der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen in den Entwicklungsländern und ihre Auswirkungen dargestellt. Unsere Ausführungen waren nicht etwa vorher miteinander abgesprochen worden, wie man das vielleicht hätte annehmen können, so aufeinander „abgespielt“ verlief diese Dokumentation des Engagements von Menschen für Menschen, um bei Karl-Heinz Böhm zu borgen! GATE war ein Begriff geworden:

An Herrn GATE

An Herrn GATE

Nach 22-jähriger Arbeit in Ghana und meiner Rückkehr von dort bin ich 1983 selber zu GATE gestoßen. Für mich wurde (fast) alles, was ich durch meine persönliche Mitarbeit bei GATE anstoßen konnte verinnerlichter Bestandteil der EZ wie:

• Die Verwendung angepasster Technologien unter Berücksichtigung traditioneller und neuer Techniken, aufbauend auf dem eigenen Knowhow und unter Nutzung lokal vorhandener Ressourcen;
• Die Einbeziehung der Betroffenen, vor allem der Frauen in jede Projekt- und Programmplanung;
• Die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit Partnern in der Dritten Welt zur Dezentralisierung von Aktivitäten;
• Die Bereitstellung von Wissen als Dienstleistung mit Hilfe eines computergesteuerten Frage- und Antwortdienstes und anhand von Veröffentlichungen, Seminaren, Workshops, usw.;
• Die Unterstützung des Süd-Süd-Transfers von Know-how und Technologien durch Beteiligung in und Unterstützung von regionalen und internationalen Netzwerken.

In den Anfangsjahren von GATE kamen so manche „Entwicklungskuriositäten“ über meinen Tisch, die auch zur Alltagsarbeit gehörten, da sich hinter jeder Anfrage ein Mensch, eine Firma, eine Partei, Organisation oder Institution verbarg, die um Beratung ersuchte. Dazu gehörten auch die uns oft vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit weitergeleiteten Wünsche um Vorstellungen „eigener Erfindungen“ deutscher Bastler und ihre Eignung für die Anwendung in Entwicklungsländern, von „ergonomischem“ Handwerkszeug über besonders „kostengünstige“ Baustoffe für den Wohnungsbau bis hin zu Hygiene- und Gesundheitsfördernden Sanitäranlagen, usw. Bis auf die besonders aus Nigeria angebotene Beteiligung an „Geldgeschäften“ (auch bekannt als „The Nigerian Connection“…) wurden nach entsprechender Auslese durch die eingeleiteten Dialoge oft recht fruchtbare Kontakte mit den Anfragern geknüpft, vor allem, wenn dabei wirklich etwas Wirkungsvolles für die Entwicklungszusammenarbeit heraussprang. Allerdings hatte ich häufig mit sehr eigenartigen Auffassungen von sogenannten Fachexperten zu tun, deren Feststellungen bei unseren Partner nur Kopfschütteln hervorriefen. Zum Thema: „Wie man in Afrika bauen soll“ einige Zitate von „Wohnungsbau Experten“:

• Mehr Zement verwenden, die Gebäude werden pflegeleichter – das ist sehr wichtig, global gesehen und hilft unserer Zementindustrie!
• Zementblocksteine und sonst gar nichts – Afrikaner kriegen doch alles klein!
• Alles, was in Afrika gebaut wird, muss für immer halten!
• Auf lange Sicht ist es besser, wenn in Afrika alles mit Beton und Zement gebaut wird, auch wenn es im Augenblick zu teuer ist!
• Wellblech und Zement sind beim Wohnungs- und Schulbau in Afrika unerlässlich! Auf keinen Fall Lehm!

Auf solche vorherrschenden Vorurteile und „Besserwisser“-Gedanken“ hatten unsere Partner eine entsprechende Antwort parat:

• Housing problems exist, as long as there are housing experts!
• Let’s stop talking global – let’s start talking about human beings in each country.

Für viele von uns, die jahrzehntelang in unermüdlicher Arbeit die GATE Abteilung mitgestaltet haben war klar, wie innovativ, breit gefächert und zukunftsorientiert fast alle GATE Projekte, Programme und Initiativen waren. Bei der Tagung erfolgte eine Auflistung und Darstellung der wichtigsten davon (Stand 2007):

30 Jahre lang Frage- und Antwortdienst (FAD, später ISAT- Informationsdienst für Angepasste Technologien) – das älteste Vorhaben von GATE mit über 3000 Anfragen jährlich.
30 Jahre lang internationale Biogaszusammenarbeit – vor 30 Jahren begann das erste Biogasprojekt bei GATE.
Vor 27 Jahren wurde das erste SonderEnergieProgramm (SEP) der Bundesrepublik durch GATE konzipiert.
Seit 27 Jahren Einsatz von Anlagen und Komponenten zur Nutzung regenerativer Energiequellen.
Seit 26 Jahren Reaktivierung traditioneller Technologien.
26 Jahre lang GATE-Journal – die vierteljährlich herausgegebene Zeitschrift der Abteilung.
26 Jahre lang „Aus der Arbeit von GATE“ – die Publikationsreihe von GATE, herausgegeben vom Vieweg Verlag zu mehr als 100 Fachthemen. Die Veröffentlichungen wurden so bekannt, dass sie sogar von Anfragern als „Adresse“ benutzt wurden. Solche Briefe landeten alle bei GATE.
26 Jahre lang GATE-Kooperationspartnerprogramm – die vertragliche Kooperation zur Unterstützung von nationalen, regionalen und internationalen Partnerorganisationen (fast ausschließlich Nichtregierungsorganisationen – NRO) in Entwicklungsländern, einschließlich des AT-Forums.
Vor 26 Jahren Initiierung des FCKW-Ausstiegsprogramms, eine gemeinsame Initiative mit dem BMZ, Sektor Bereichen der GTZ, der Industrie, Greenpeace, der Weltbank und verschiedenen Forschungsinstituten.
Vor 25 Jahren „Umweltschutz“ im Rahmen der Technischen Zusammenarbeit – ein Beitrag zur Ausstellung „10 Jahre nach Stockholm“ anlässlich der UNEP-Sondersitzung in Nairobi/Kenia.
Vor 25 Jahren Initiierung des Haushaltsenergieprogramms (HEP).
Vor 23 Jahren Initiierung solarer Kleinsysteme, z.B. der SHS – Solar Home Systems.
20 Jahre lang Management des Kleinprojektefonds (KPF) mit über 350 durchgeführten Kleinmaßnahmen in Entwicklungsländern.
Seit 19 Jahren Unterstützung der TERNA (Technical Expertise for Renewable Energy Application).
Seit 19 Jahren Förderung des photovoltaischen Pumpenprogramms (PVP).
Seit 18 Jahren Koordinierung und Monitoring von BASIN (Building Advisory Service and Information Network), einem überregionalen Bauberatungsnetzwerk als Initiative von GATE, gemeinsam mit anderen NRO.
Seit 15 Jahren Mitarbeit bei PROKLIMA zum Schutz der Ozonschicht.

                           Alles landete korrekt bei GATE, 9.7.2007

Außerdem hat GATE noch viele andere Initiativen angestoßen oder kann mit Recht als „Geburtshelfer“ bezeichnet werden für:

• den Technologietransfer Marburg e.V. (TTM) – Ausstatter für Gesundheitsprojekte in aller Welt – seit 24 Jahren;
• die Fachstelle für kontextgerechte Technologien in Stuttgart (FAKT) – seit 21 Jahren;
• das Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) in Kassel, anwendungsorientierte Forschung für die Elektro-und Systemtechnik zur Nutzung erneuerbarer Energien – seit 19 Jahren;
• das Zentrum für angepasste Technik und internationale Entwicklungszusammenarbeit (artefact) in Glücksburg, Globales Lernen und lokales Handeln – seit 18 Jahren.

Andere aus dem ehemaligen GATE Team stellten in ihren Erinnerungen die Vielschichtigkeit der Arbeit dar. Der GATE Alltag war häufig mit Überraschungen unterschiedlichster Art gesegnet, mit denen wir umgehen mussten. GATE bestand aus zum Teil sehr starken Individualisten. Jedoch hat jede/jeder Einzelne zum Selbstverständnis der Gruppe und auf ihre Weise der ganzen Abteilung mit beigetragen. Innovation und Flexibilität wurden dabei immer groß geschrieben. Die Wichtigkeit des GATE Beitrags zur Entwicklungszusammenarbeit stand immer im Mittelpunkt. Zwischen den einzelnen Initiativen, Projekten, Programmen mit tangierenden Bereichen und Beziehungen gab es von Anfang an Vernetzungen.

Unser Hauptziel war die Förderung lokaler Initiativen unserer Partner zur Stärkung und Professionalisierung ihrer Know-how Kapazitäten als Informationsdienstleister, basierend auf der Nutzung des vorhandenen endogenen Wissens und lokaler materieller Ressourcen. Wir erkannten früh, dass eine Internetpräsenz für unsere Arbeit unerlässlich war. Die langen und intensiven Debatten darüber sind heute längst vergessen. Unsere Partner sind in der Zwischenzeit größtenteils besser ausgerüstet, als wir es je waren und können lockerer damit umgehen, als so mancher von uns. Alle GATE Programme und Projekte basierten von Anfang an auf der Grundlage einer Zusammenarbeit mit Partnern in den Entwicklungsländern „auf Augenhöhe“. Hilfe zur Selbsthilfe durch einkommensschöpfende Vorhaben, partizipatives und geschlechtsneutrales Projektplanen und Wirkungsmonitoring, gemeinsame Projektprüfungen und Evaluierungen, Wissensmanagement und Unterstützung des Süd-Süd Technologietransfers waren selbstverständliche Voraussetzungen für unsere Arbeit, die erst langsam in der „offiziellen“ EZ Eingang fanden.

Es folgen Rückblicke auf zwei der für mich wichtigsten GATE Programme und Initiativen sowie eine Auflistung der von mir betreuten Kleinmaßnahmen aus dem sehr erfolgreichen Kleinproktefonds Vorhaben von GATE/GTZ. Dem Leser möchte ich damit vermitteln, dass uns eins immer klar war: Die Armut in den Entwicklungsländern kann nur eingedämmt und sozialer Frieden und Gerechtigkeit durch entsprechende Rahmenbedingungen in den Ländern der Dritten Welt geschaffen werden, wenn es gelingt die lokalen Kapazitäten der Betroffenen zur Nutzung ihrer eigenen Ressourcen zu stärken und die erforderlichen Maßnahmen dafür mit ihnen auf Augenhöhe zu planen und sie bei der Durchführung zu unterstützen.

Und nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle den Hinweis darauf, dass es ein „GATE“ wieder gibt, nicht das alte, sondern ein ganz anderes „Neues“ , das mit angepasster Technologie nichts zu tun hat, sondern mit Bildung. GATE-Germany ist ein Hochschulkonsortium und betreibt mit der Herausgabe von Länderprofilen „Bildungsmarketing“.

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