Kindheits- und Jugendliebe in Magdeburg – Februar 2017

Da stand Ende Oktober im letzten Jahr ein Artikel in unserer Lokalzeitung „Volksstimme“ über die Jugendliebe eines Tenors, der als Operetten singender Tierarzt in der DDR und nach der Wende bis zu seinem Ruhestand nach längerem Leben in Namibia, das ihm zur zweiten Heimat geworden war, nach Deutschland zurückkehrte. Er trifft seine ihm unvergessene Jugendliebe wieder, heiratet sie – beide waren nach Scheidungen wieder Singles – und lebt seither mit ihr glücklich in unserer Stadt. Dieses Schicksal hat mich so sehr berührt, dass ich von meinem Kindheitsfreund, den ich sehr lieb hatte erzählen möchte. Eine Geschichte, die nicht so glücklich endete, wie die des Tenors, Tierarztes und Jägers. Es hat lange gedauert, bis ich Kontakt aufnehmen konnte zu einer Tante von ihm für die Genehmigung ein Foto von ihm in meinem Blog zu zeigen.

Magdeburg ist meine Heimatstadt. In der alten „Wilhelmstadt“ bin ich aufgewachsen. Hans-Dieter wohnte in der gleichen Straße schräg gegenüber von mir. Ich nannte ihn „Einstein“, denn dieser Junge hatte auf alles immer eine passende und korrekte Antwort und konnte schon als Junge rechnen wie ein großer Mathematiker. Außerdem konnte er sehr flink laufen und unsere Kinderschar beim Laternenabklatschen, Ballspielen, Kriegen und sonstigen Spielen immer schlagen. Er war für mich mein ritterlicher Spielgefährte in der Kindheit. Seine helfende Hand hat mich oft vor dem Herumschubsen und Stoßen durch die anderen Kinder beim Spielen „gerettet“, denn ich konnte schon als Kind meine Kräfte nicht richtig einschätzen und verlor bei manchen Anstrengungen den Boden unter den Füßen und schlug mir beim Hinfallen die Knie auf. Außerdem waren meine langen Zöpfe bei allem ein Hindernis. Vor allem die Bengels in der Nachbarschaft ließen sie nicht los, wenn sie die einmal ergriffen hatten. Ich konnte mich dann immer grün und blau ärgern. Wenn Hans-Dieter das sah, war er zur Stelle und stellte die gewohnte Ordnung wieder her.

Mein Kindheitsfreund Hans-Dieter als Student in Köln

Mein Kindheitsfreund Hans-Dieter als Student in Köln

Der Zweite Weltkrieg begann. Die Bombardierungen auch. Wir Kinder wurden evakuiert. Ich weit weg in den Solling nach Uslar in der Nähe von Göttingen zu Verwandten, Hans-Dieter  ins Rheinland. Am 16. Januar 1945 verloren wir unser Zuhause. Unsere Wege trennten sich. Hans-Dieter beendete seine Schulzeit in Köln und begann auch dort sein Studium der Physik und Chemie, sowie Philosophie und Psychologie. Ich machte mein Abitur in Magdeburg und begann mein Architekturstudium nach der Maurerlehre in Dresden. Zwischen uns beiden lag nun eine unüberwindbare Grenze. Aber unsere Kinderliebe und spätere Teenagerzuneigung überwand sie schreibend. Seine Briefe, Karten und Fotos sind ein Schatz, den ich immer noch hüte. Ich habe alle aufgehoben. Es sind für mich Dokumente eines tiefsinnigen, sehr humorvollen und brillanten Geistes.

Als Studentin in Dresden 1952

Als Studentin in Dresden 1952

Hans-Dieter hat meine Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung, sowie die schweren Jahre nach der Flucht aus der DDR bis zum Diplom als Bauingenieurin und Architektin in Karlsruhe verständnisvoll begleitet. Ich bereue bis heute, dass es mir zu der Zeit nicht gelungen ist ihn bei einem Aufenthalt in Köln zu treffen. Er hatte den Brief mit der Ankündigung meines Kommens zu spät erhalten. Da war ich schon abgereist. Nach seinem letzten Brief vom Februar 1957, ein Jahr vor meinem Diplom, erkrankte er. Das wusste ich nicht, sondern wunderte mich nur, dass ich keine Post mehr von ihm erhielt. Dennoch schrieb ich immer weiter an ihn, in der Hoffnung, dass ihn meine Briefe irgendwo erreichen würden. Da hatte mein Schicksal mir meinen Weg bereits geebnet, der mich über London 1960 bis nach Ghana führte, denn ich wollte aus der Bundesrepublik fort und in die große Welt hinaus! Auch aus Ghana schrieb ich weiter an ihn. Dort erreichte mich dann im September 1963 die Nachricht, dass mein geliebter Kindheitsfreund am Vorabend seines 32. Geburtstages ganz plötzlich gestorben ist. Ich hätte meinen „Einstein“ mit seinen wunderschön welligen und wuscheligen schwarzen Haaren so gerne noch einmal getroffen. Er war nach seinem letzten Brief an mich an MS erkrankt, ohne dass ich davon gewusst habe. Seine Mutter hat mir darüber geschrieben, als sie unter seinen Sachen meine Briefe an ihn fand mit meiner Anschrift in Ghana. Sie schrieb mir auch, wie sehr er sich über all meine Briefe gefreut hätte und wie schwer es ihm gefallen ist sie nicht beantworten zu können. Liebe aus der Kindheit und Jugendzeit ist etwas sehr Kostbares. Es ist die erste herzerwärmende und tiefe Zuneigung zu einem anderen Menschen, die aus der Kindheit bis ins Alter anhält und in der Erinnerung auch dann noch immer wärmt. Für diese Kostbarkeit sollte der Mensch, der sie erleben darf immer dankbar sein. Wenn im Alter die Kräfte nachlassen und es im Körper irgendwo immer zwickt und zwackt und wehtut, können Erinnerungen an einen Kindheitsfreund, oder wie im Fall des singenden Tierarztes an seine nun mit ihm lebende innige Jugendliebe Glücksgefühle auslösen, die einen alle Schmerzen vergessen lassen. Wirkliche Liebe überlebt immer eine lange Lebensspanne.

Auf Hans-Dieters Grabstein steht „Summa Humanitas“. Ja, das hat er alles, zurückblickend, verkörpert.

Rückblick mit 84 Jahren

Rückblick mit 84 Jahren

Eine Antwort zu Kindheits- und Jugendliebe in Magdeburg – Februar 2017

  1. Am 28. August 2017 um 09:09 schrieb Dieter Mai:

    Eine sehr berührende Geschichte, liebe Hannah. Wir müssen unbedingt noch einmal miteinander telefonieren. Ganz herzliche Grüße vom Niederrhein!

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