In eigener Sache: Kurzer Lebenslauf mit Spitznamen, Dezember 2016

Was sind Spitznamen? Laut Wikipedia ist ein Spitzname eine Art „Übername“. Es kann aber auch ein Scheltname oder Spottname sein, der mit äußeren Merkmalen oder aber dem Verhalten einer Person verbunden ist. Oder aber eine liebevolle Bezeichnung für einen Menschen mit besonderen Eigenschaften. Als Kleinkind nannte mich eine meiner Patentanten „Piefke“. Das ist eine, meist abwertend gemeinte österreichische Bezeichnung für Deutsche, die besonders auf Prahler, Wichtigtuer, Snobs oder feine „Pinkel“ zielt. „Piefig“ zu sein bedeutet kleinbürgerlich und spießig. Wie meine Patentante zu dem Spitznamen kam, bleibt für immer ein Rätsel. Für sie und andere Tanten und Onkels war ich eben „Piefke“ und habe den Namen total gehasst. Geprahlt habe ich nicht, wichtig getan auch nicht, eingebildet bin ich nicht und ein feiner Pinkel schon gar nicht. Vielleicht stammt aber diese „Namensgebung“ von meiner notorischen Neugier, die ich schon als Kind hatte. Ich wollte eben alles immer ganz genau wissen. Und Erwachsene waren bei meiner permanenten Fragerei wohl öfter mehr als einmal überfordert, denn auf jede ihrer Antworten zu einer Frage von mir folgten gleich weitere Fragen.

Im Teenagealter wurde ich „Spitzmaus“ getauft. Meine Nase war zu der Zeit noch schön gerade und eben spitz. Und es gab natürlich auch wieder jede Menge Fragen. Allerdings gab es da manchmal überhaupt keine Antworten von den Erwachsenen oder aber nur „UmdenheißenBreiherumreden“, wenn es um solche elementaren Fragen ging wie zu den Unterschieden zwischen Männlein und Weiblein. Aufklärung über Sex war auch in der Oberschule Tabuthema, im Elternhaus ebenfalls. Wenn ich an meine damalige Fragerei diesbezüglich zurückdenke, löst das bei mir heute noch immer Lachsalven aus. Und dabei wollte ich doch nur wissen, warum „die Großen“, oder besonders unsere Biologielehrerin beim Wort „Sex“ zu stottern anfingen. Ich lernte aber schnell, was es damit auf sich hat auf dem Bau während meiner Maurerlehre nach dem Abitur. Bei den Witzen, die da präsentiert wurden fing keiner an zu stottern.

Weil ich mit zwei, eigentlich nur ganz kleinen Verbesserungsvorschlägen mit meiner Maurerbrigade schneller vorankam, als die anderen auf der Baustelle und dafür zweimal als „Aktivistin“ ausgezeichnet wurde (jeweils mit Orden und 100 Mark – viel Geld für mich damals), hatte ich schnell einen anderen Spitznamen weg: „Backstein“. Denn ich war, wie immer an allem interessiert, was da um mich herum vor sich ging. Wir bauten verschiedene Projekte, eine Kita in Cracau („ostelbischer“ Stadtteil Magdeburgs) und füllten Bombenlücken von 1944 und 1945 in der Stadt mit Wohnhäusern aus. Unser Baumaterial bestand aus den Backsteinen, die wir von den Trümmerfrauen erhielten. Und ich stellte bald fest, dass dabei wahre Prachtstücke waren, uralte, noch mit der Hand gezogene und gebrannte Ziegel aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die aus den zertrümmerten Häusern unserer zerstörten Innenstadt stammten. Ich liebte diese Steine!

Von 1958 bis 1960 kam meine Londoner Zeit, in der man mich „Kraut“ nannte, eigentlich ein Schimpfwort, mit dem die US-Amerikaner die Deutschen im Krieg bezeichnet hatten. Es wurde mir aber bedeutet, dass man das liebevoll meinte. Na ja, ich war schon als 2-Jährige gewohnt, von Erwachsenen mit einem Spottnamen bedacht zu werden und lernte erst hinterher, was der Name bedeutet. In England bin ich nach dem Postgraduierten Studium und meiner Arbeit als Stadtplanerin dreizehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg als Deutsche überall sehr zurückhaltend und vorsichtig aufgetreten und habe so sehr viele Freundschaften schließen können, die auch heute noch anhalten. Meine Freunde nannten mich dort „Dimple“, was so viel wie Grübchen heißt. Denn meine beiden Grübchen hatte ich von Geburt an. Und gelacht haben wir oft, bis ich endlich fließend Englisch sprechen konnte!  Dabei sah man dann die Grübchen besonders gut.

27 Jahre alt in London als Stadtplanerin, 1959

27 Jahre alt in London als Stadtplanerin, 1959

In Ghana dauerte es nicht lange, bis ich einen „Ersatznamen“ hatte. Graue Strähnen erschienen sehr früh in meinem vorher dunkelblonden Haar. So wurde ich schon während meiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Architektin im Bauministerium in Accra „Auntie Hannah“ (Auntie hier: Tantchen) genannt, die liebevolle Bezeichnung für eine ältere Respektsperson in Ghana. Und so bin ich „Auntie Hannah“ durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens, die ich mit meinen ghanaischen Kollegen und Freunden zusammen durchgestanden habe auch geblieben bis zum Abschied aus meinem zweiten Heimatland.

44 Jahre alt zum Studienbeginn mit der Antrittsvorlesung an der Universität in Kumasi, 1976

44 Jahre alt zum Studienbeginn mit der Antrittsvorlesung an der Universität in Kumasi, 1976

Nach der Rückkehr kam die schwere Reintegration in das alte Leben in der Bundesrepublik. Sehr oft habe ich mich in der Zeit nach Ghana zurückgesehnt. Neue afrikanische Länder konnte ich mir dann jedoch im Rahmen meiner Projektarbeit für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erschließen. So erhielt ich meinen nächsten Spitznamen in Zimbabwe, wo mit deutscher Unterstützung Tausende von Latrinen in den ländlichen Gegenden gebaut wurden. Sozusagen als „Schutzwall“ gegen die aus Mozambique im dortigen Bürgerkrieg eindringende Cholera. „Latrinqueen“ (Klokönigin) war mein Spitzname von da an. Etwas gewöhnungsbedürftig für deutsche Beamte aus unserem Entwicklungsministerium in Bonn. Aber mir machte das gar nichts aus. Denn diese Art von einfachen Latrinen, die im Gesundheitsministerium in Zimbabwe entwickelt worden waren, konnten die Dörfler nach kurzen Anleitungen selbst bauen. Das war für mich eine perfekte Hilfe zur Selbsthilfe.

Nicht viel später erhielt ich zusätzlich noch den Spitznamen „Lehmtante“. Denn überall dort, wo Zement immer teurer wurde, besann man sich im Laufe der Zeit auch in vielen afrikanischen Entwicklungsländern, die vorher dem Lehm gegenüber sehr ablehnend eingestellt waren, wieder auf die Verwendung dieses Baustoffs mit seinen bewährten traditionellen Bauweisen. So betreute ich in Kenia, Eritrea, Zimbabwe, Botswana, Äthiopien und auch in Ghana Vorhaben, bei denen Lehm Anwendung fand. Zuhause in der Bundesrepublik wurde ich eines der Gründungsmitglieder des Dachverbandes Lehm e.V. (www.dachverband-lehm.de). Regeln und neue DIN Normen haben dem Baustoff nun auch seinen Platz in unserer Bauindustrie verschafft.

72 Jahre alt auf der Denkmal Messe in Leipzig, 2004

72 Jahre alt auf der Denkmal Messe in Leipzig, 2004

Ein Spitzname kam noch hinzu. Seit meinem ersten Besuchen in Namibia, dem Land der weiten Horizonte, das zu meinem Sehnsuchtsland wurde, nannten mich namibische Freunde „Giraffe“. Ich tendiere dazu, immer erstmal jede neue Situation mit einem „Überblick“ sorgfältig zu überprüfen, bevor ich mich entscheide, etwas zu tun oder zu sagen. Dem ins Visier genommenen Ziel trete ich dann aber „auf Augenhöhe“ gegenüber. So war es für mich in Namibia von Anfang auch an selbstverständlich, den Kontakt zu Schwarzafrikanern zu suchen. Das war 1992, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes gar nicht so leicht, ist aber heute sehr viel einfacher geworden. Und eine „Giraffe“ will ich gerne bleiben, das ist ein schöner Spitzname, auch für eine alte Frau.

Zwei Giraffen betrachten die Welt von oben auf dem Etendeka Plateau in Namibia, 2011

Zwei Giraffen betrachten die Welt von oben auf dem Etendeka Plateau in Namibia, 2011

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