In eigener Sache: Mein „Alten-Alltag“, November 2016

So bezeichne ich meinen Alltag, den einer alten Frau, die auf die 85 Lebensjahre zusteuert. Um mich herum leben sehr viele alte Leute. Unsere Gesellschaft veraltet. Wenn ich in der Nachbarschaft Kinderstimmen, Lachen, Kreischen, auch Schreien höre, bin ich immer froh. Andere alte Leute mögen das gar nicht. Die mögen auch keine Hunde oder Katzen, oder wenn jemand auf dem Balkon raucht. Es ist viel über unsere alternde Gesellschaft geschrieben worden. Darunter sind die lustigen Bücher der twitternden Oma Bergmann. Oder das feinhumorige Buch über das Leben der Baba Dunya in Russland, die lieber verstrahlt wie sie ist, in ihrem kleinen Dorf in der Nähe von Tschernobyl sterben will, als in irgendeiner nicht verstrahlten Stadt fernab. Außerdem gibt es ist viel Gedrucktes zu lesen über alte Menschen und wie sie ihren Alltag gestalten sollten. Schlaue Bücher, die immer von Jüngeren geschrieben werden, die keinen blassen Schimmer einer Ahnung haben, wie es ist alt zu werden und alt zu sein. Ich versuche meine „Altenalltagsstunden“ noch so intensiv zu genießen, wie es mir möglich ist, ohne anderen Menschen dabei auf den Keks zu gehen.

So will ich nun einen Blog darüber schreiben, wie ich meinen „Alten-Alltag“ verlebe. Auf Ratschläge von Schlauköpfen kann ich verzichten, wie gut gemeint sie auch sind. Ich finde wir Alten sollten ruhig mal zeigen, dass man alt werden und dabei dennoch jung, oder wie man heute sagt „cool“ bleiben kann – in Maßen versteht sich und natürlich mit Doktors Hilfe. Ohne Pillen und Physiotherapien geht es leider, auch bei mir, nicht mehr. Seit meinem endgültigen Ruhestand (ich habe über die „Verrentung“ hinaus noch 7 weitere Jahre danach weiter gearbeitet) steht fest, ohne irgendeine Tätigkeit geht bei mir außerdem gar nichts. Ich muss mich beschäftigen, etwas tun, machen, schaffen, schreiben, gestalten oder unternehmen. Die im Alter vermehrt auftretenden psychischen Belastungen stecke ich – bisher jedenfalls mit Hilfe (vor allem meiner Familie) ganz gut weg. Für die physischen Beschwerden ist, wie erwähnt die medizinische Fakultät mit ihren Helfern zuständig. Bei allen geplanten Unternehmen bremst mein Körper mich von ganz allein aus. Auf den muss man sich als alter Mensch halt vermehrt konzentrieren.

Mein heutiges Werkzeug ist der Computer. In früheren Jahren gleich nach dem Abitur war es zuerst die Maurerkelle, danach der Zeichenstift. Da gab es noch keine Computer. Entwurfsskizzen, Grundrisse, Ansichten, Schnitte durch Gebäude und Konstruktionsdetails für meine Projekte zeichnete ich als Architektin mit der Hand. Heute ist der Computer mein täglicher Begleiter. Allerdings gibt es bei mir weder Twitter noch Facebook, also keine „Teilnahme“ an den sogenannten „sozialen“ Netzwerken oder Ähnliches mit „likes“ und „dislikes“. Ich schrecke vor solchen Medien zurück, die bei einigen Menschen den Teufel rauslassen und mehr Unheil als Nutzen anrichten können. Meinen Computer mit Internet, e-mail und Suchmaschinen brauche ich zum Schreiben, Kontaktieren und Lernen. Oh ja, ich lerne noch immer dazu! Ich biete dafür allerdings auch aus meinem eigenen, über die Arbeitsjahre gesammelten Erfahrungsschatz Gesehenes und Erlebtes auf meiner Homepage an.

Zum „Schreiben“ gehören außer Zeitungsbeiträgen, Essays und Bücher auch Briefe. Im Alter wird leider auch bei mir die Handschrift immer krakeliger. Schade, denn ich habe immer sehr gerne Briefe mit der Hand geschrieben. Das Arbeiten am Computer ist mit Sitzen verbunden. Und dabei predigen doch die medizinischen Experten, dass man sich im Alter besonders viel bewegen sollte/müsste. Ich bin kein Ersatzteilfanatiker und habe bisher bewusst auf Ersatzknie- und/oder neue Hüftgelenke verzichtet. Also sitze ich viel. Am Computer. Auch einige Stunden, aber eher seltener und nur, wenn mir danach ist vor der Glotze, oder ich höre Querbeet-Musik – von früher Klassik bis zur Romantik und auch Neuzeit und zu Jazz, Soul, Pop und Rap. Dabei tanze ich häufig (allein) durch meine Bude. Ich denke mal, Zuschauer würden in Lachsalven ausbrechen! Können sie, ich tanze! Oder lese. Von den Ärzten und dem Physiotherapeuten vorgeschlagene Gymnastik mache ich auch, aber nicht allzu oft, eher wie so Vieles in meinem Leben „in Maßen“.

Mein Tagesablauf beginnt je nach Jahreszeit morgens zwischen 5 und 7 Uhr. Wenn es hell wird draußen, wache ich auf. In Ghana war es morgens ab 6 Uhr hell, gegen 18.30 Uhr wurde es dunkel. Ich bin dort immer vor 6 Uhr aufgestanden. Abends hingegen war der Tag für mich, wenn nicht irgendwo gefeiert wurde oder sich Besucher angesagt hatten, gegen 22 Uhr spätestens zu Ende. Hier graut es mir seit meiner Rückkehr aus Afrika ganz besonders vor dem November. Düster, trübe, oft nasskalt, selten Sonne und blauer Himmel – was für ein scheußlicher Monat! Nicht immer, aber meistens. Der Aufsteh-Ablauf ist immer der gleiche. Auf der Bettkante sitzend, mit den Füßen auf dem Bettvorleger, erst die „Kopfgymnastik“ (wegen dem Drehschwindel), dann Atmungsübungen sowie Arm- und Rückengymnastik, Dehnen und Strecken. Danach langsam in die Vertikale. Im Stand Durchblutung der Beine abwarten und dann ab ins Badezimmer. Vorher überall die Fenster aufschließen und zum Durchlüften der Wohnung öffnen. In der Küche die Kaffeemaschine starten, einen kleinen Obstteller herrichten für die notwendigen täglichen Vitamine und den Frühstückstisch decken. Dann geht es ab ins Bad zum Duschen/Waschen mit dem vorherigen Gruß in den Spiegel „mir geht es gut“. Egal wie ich aussehe, egal wie ich mich fühle. Das Ritual führt (meistens) dazu, dass ich mich wirklich gut fühle. Nach dem Anziehen raus aus dem Haus zum Briefkasten die Tageszeitung holen. Dank meinem Physiotherapeuten, der einen Orden allein dafür verdient, kann ich die Stufen bis dahin wieder ohne Schmerzen hoch und runtersteigen.

Zeitungslesen und Frühstücken geschieht, wenn ich keine frühen Termine habe (Ärzte, Fußpflege usw.) in genüsslicher Langsamkeit und dauert schon mal über eine Stunde. Ach ja, die morgendlichen Pillen vor und nach dem Frühstück gehören auch noch dazu. Bloß nicht vergessen! Danach Abräumen, manchmal Abwaschen. Letzteres meistens aber erst nach dem Mittagessen. Bett machen und Staubputzrunde in der Wohnung drehen kommt hinterher. Wohnungs- und Fensterputzen geht nur noch mit Hilfe. Bevor ich mich an den PC setze, werden Merkzettel beschrieben mit dem, was ich brauche oder was sonst noch zu erledigen ist. Danach richtet sich die Tagesplanung, zu der dann auch Mittagessen und Abendbrot gehören. Ohne Zettel und Terminkalender wäre ich aufgeschmissen. Die habe ich allerdings auch schon während meiner Arbeitszeit gebraucht.

Meistens gehe ich einmal täglich zum „Durchlüften“ an die frische Luft, wenn es nicht regnet. Damit meine Glieder nicht ganz einrosten. Weil mein Kopf oft „schwindelt“, benutze ich seit fast zwei Jahren eine Gehhilfe, einen richtigen Rolls Royce unter den Rollatoren. Den hätte ich mir nach einigen Stürzen schon viel eher anschaffen sollen. Für uns Alte ist dieser „rollende Gehstock“ eine super Erfindung. In der Zwischenzeit hat mein Rollator Gummibereifung. Es gibt jetzt auch schon welche mit Stoßdämpfern. Ich bin am überlegen, ob ich mir einen solchen zulegen soll, denn Schultern und Oberarme werden in Mitleidenschaft gezogen, wenn es über die in unserer Siedlung üblichen kleinen Basaltbürgersteigsteine oder Fußwege mit schiefen Betonplatten und Feldsteinstraßen geht, alle zusätzlich noch so „wellig“ wie die See bei Windstärke 4. Da muss ich dann von Zeit zu Zeit die Schrauben am Rolli wieder festdrehen. Viele Fahrer, denen ihr Auto am Hintern klebt und die permanent in unserem Viertel die abgeschrägten Bürgersteige zu stellen, sodass ich mich um diese rücksichtslosen Zeitgenossen mit ihren falsch geparkten Glanzlimousinen weiträumig herumschieben muss, würde ich oft liebend gerne auf den Mars schießen. Wenn ich unterwegs bin, sind es die Knöllchentanten anscheinend nie. Jedenfalls in unserer Gegend nicht. Aber dann denke ich, auch diese Autojünger werden mal alt, irgendwann.

Der Tag vergeht mit den verschiedensten Arbeiten am PC, Mails schreiben und den verschiedensten Dingen. Im Internet lese ich Nachrichten und den Wetterbericht. Jetzt im November nicht sehr erheiternd. Und dann geht das Schreiben los. Oder wie jetzt auch, meinen Blog in der Homepage endlich wieder zum Leben erwecken und die Webseite auf den letzten Stand der Dinge bringen. Dann kommt da noch die Aufgabe der Überarbeitung des Buchmanuskripts für mein Buch über die 22 Leben und Arbeiten in Ghana. Das ist ein dicker Brocken. Um den zu schaffen bedarf es sicherlich einer sorgfältigen und präzisen Planung. Letztendlich auch wieder medizinischer Unterstützung, der Hilfe meiner Familie, der meines Physiotherapeuten und meiner Verlegerin. Der Tag vergeht. Abendstunden sind  bei mir Lesestunden, manchmal schon im Bett, bis Buch oder Zeitschrift mir auf die Nase fallen. Dann ist es Zeit, die Nachttischlampe auszuschalten und die Augen zu schließen. So werden, das hoffe ich inständig, noch viele meiner Alltage verstreichen, die ich morgens noch lange mit „Mir geht es gut“ begrüßen möchte.

Mit meinem Rolls Royce unterwegs

Mit meinem Rolls Royce unterwegs

Eine Antwort zu In eigener Sache: Mein „Alten-Alltag“, November 2016

  1. Am 12. August 2017 um 14:16 schrieb Elke Kirsch:

    Hallo Frau Schreckenbach,
    ich habe mich gerade wieder mal auf Ihrer Homepage festgelesen und möchte mich jetzt mal bedanken für die interessanten Ausführungen, die vielen Reiseerlebnisse und die tollen Fotos.
    Wir haben uns auf unserer Marokko-Rundreise kennen gelernt, damals haben Sie mein Interesse an Namibia geweckt,das ich dann im nächsten Jahr besucht habe. Zur Einstimmung haben Sie mir Ihr Buch „Namibia erlebt und skizziert“ geschickt, das ich immer wieder gerne zur Hand nehme.
    Ich bin fasziniert von Ihrem wachen Geist und hoffe, noch viel von Ihnen zu lesen.
    Liebe Grüße aus Mainz,
    Elke Kirsch

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