In eigener Sache: 22 Jahre Leben und Arbeiten in Ghana. Ein kurzer Rückblick, November 2016

Vor zwei Jahren habe ich in einem Blogbeitrag mein geplantes Buch über meine zweiundzwanzig, in Ghana verbrachten Jahre angekündigt und das Manuskript für den ersten Band als PDF-Datei auf meiner Webseite ins Internet gestellt. Da aber damit Missbrauch getrieben wurde, habe ich nun den Zugang dazu blockiert und werde ihn auch nicht wieder öffnen. Sollte jemand Interesse an dem bisher geschriebenen Text für „Ein Haus für die Ziegen des Präsidenten“ haben, bitte ich um Kontakt. Das Manuskript wird in den kommenden Monaten komplett überarbeitet werden. Es ist geplant, daraus einen flüssigen Buchtext zu verfassen, der in das Programm des Verlages passt, von dem Interesse an einer Veröffentlichung bekundet wurde. Über die vielen Illustrationen, Zeichnungen und Pläne im Manuskript wird dann eine Entscheidung getroffen werden, wenn der Text fertig ist. Manchmal genügen nur einige wenige Fotos, um die Leserphantasie so anzuregen, dass bei ihm oder ihr das Verlangen „nach mehr“ geweckt wird. Jedenfalls geht mir das bei vielen, von mir gelesenen Büchern so. Ich verknüpfe mir Unbekanntes für mich mit dem, was ich aus dem Text herauslesen kann, werde immer neugieriger beim Lesen und lege das Buch nicht mehr aus der Hand, bis meine Neugier befriedigt ist.

Der erste Band meiner Ghana Erinnerungen – „Ein Haus für die Ziegen des Präsidenten“ – in dem ich über die Jahre von meiner Ankunft in Ghana im September 1960 bis zu meinem Umzug nach Kumasi im Oktober 1975 erzähle für meine Arbeit an der dortigen Universität, wird nun von mir in den kommenden Monaten durchgeackert werden . „Unkraut“, zu Ausführliches und anderes Störende werde ich dabei beseitigen. Von fünfzehn Jahren harter, aber sehr bereichernder Arbeit als Architektin für das damalige Bauministerium in Ghanas Hauptstadt Accra und eine Zeitlang in Tamale im Norden des Landes, sowie von einer großen Anzahl eigener Projekte berichte ich und auch darüber, wie ich im Privatleben mit den täglichen Alltagsproblemen, Anpassungen, Umstellungen, Begegnungen, Erlebnissen, Einflüssen und mit den Regierungswechseln durch Militärputsche und last noch least mit dem Klima fertig geworden bin.

In Ghana lernte ich in den ersten Jahren etwas kennen, womit ich nie gerechnet hätte. Plötzliche Änderungen oder unerwartete, neue Situationen, manchmal auch Unfälle werden einfach „weggelacht“. Ein solches Verhalten in kritischen Situationen hat mich von Anfang an immer wieder überrascht und fasziniert. Ich habe zwar selbst versucht, mich auch so zu verhalten, habe das aber nie ganz geschafft, obwohl ich über die Jahre in Ghana sehr anpassungsfähig und vor allem geduldig geworden bin. Bei „Unerwartetem“ habe ich erstmal tief Luft geholt, bevor ich eine Entscheidung darüber getroffen habe ob schnelle Hilfe oder behutsames Vorgehen erforderlich waren, habe also überlegt gehandelt und nicht gelacht. Schnell lernte ich, dass deutscher Perfektionismus weder im Alltagsleben noch bei der Arbeit angesagt war. Er ist auch nie mein Ding gewesen. Den sollte man als Deutscher, der in Afrika lebt und arbeitet besser Zuhause lassen. Was nicht heißt, dass bei der Arbeit oder im Leben Schludrigkeit einziehen kann. Zuverlässigkeit und Vertrauen im Umgang miteinander war und blieb auch bei mir immer ein „muss“. Pünktlichkeit ist wichtig, ja, aber muss hin und wieder einfach „dehnbar“ sein. Auch in Afrika kommt man immer irgendwie, irgendwo und irgendwann ins Ziel. Das kann ich bestätigen!

In meinem Alltagsleben in Ghana habe ich von Anfang an versucht, meine Essgewohnheiten auf ghanaisch umzustellen und dabei auch vor Unbekanntem nicht zurückzuschrecken, und das ganz besonders in den Zeiten, in denen in den Geschäften die Regale leer wurden. Einschließlich „bush meat“ essen wie den „grasscutter“ – die Zuckerrohrratte. Ich bin damit immer gut gefahren. Nur um Schnecken aller Art mache ich nach wie vor einen großen Bogen. Fufu mit „soups“ (damit sind Soßen gemeint) der verschiedensten Sorten und „Kenkey“ aus Mais mit gebratenem Fisch – ich war froh und dankbar, wenn mein guter „Hausgeist“ das zubereiten, bzw. uns damit versorgen konnte.

Happening unterwegs, 1965

Happening unterwegs, 1965

Baustellenbesuche im ganzen Land waren alle drei bis vier Monate fällig. Da kamen dann schon mal etliche Tausende Kilometer zusammen, oft verbunden mit interessanten und unerwarteten Erlebnissen unterwegs. Ich habe mit Hilfe von drei ghanaischen Automechanikern gelernt einen Motor aus meinem ersten Auto in Ghana, einem VW Käfer auszubauen und nach kompletter Wartung, einschließlich Schleifen der Pistenringe, auch wieder einzubauen. So war ich sicher, dass die mir aus der Heimat besorgten Ersatzteile auch in meinem Motor landeten. In meinen anderen Autos in den Ghana Jahren konnte ich auf diese Weise viele Reparaturen selber vornehmen, unterstützt dabei von den ghanaischen Helfern, die sich immer freuten „Auntie Hannah“ (so wurde ich in Ghana genannt) zeigen zu können, was sie auf dem Kasten hatten. Meine Zeit in Ghana wurde in vielerlei Hinsicht zu Lehrjahren für mich bis zu meinem letzten Tag im Land. Ich bin voll in die ghanaische Gesellschaft integriert worden. Dazu gehörte auch die herzliche Aufnahme in die Familien meiner ghanaischen Freunde und Kollegen. Meine Haare wurden schon sehr früh grau und dann auch schnell weiß. Das hat mir „Tor und Tür“ zu den Herzen aller Ghanaer, mit denen ich zu tun hatte oder mit denen ich befreundet war geöffnet. Weißes Haar gehört zu einer alten Person. Und ist in den Augen der Afrikaner immer mit Weisheit und Lebenserfahrung verbunden, die man respektiert. Graues oder gar weißes Haar bedeckt daher einen weisen Kopf.

Den zweiten Band des Buches hoffe ich im kommenden Jahr fertig schreiben zu können. Darin werden die Jahre von Oktober 1975 bis Dezember 1982 beschrieben, in denen ich an der University of Science and Technology in Kumasi in der Architekturfakultät gelehrt habe. Diese sieben Jahre gehören zu den härtesten in meinem Leben. Die Wirtschaft Ghanas steuerte nach weiteren Militärputschen auf den kompletten Ruin zu. Korruption und Missmanagement hatten ein Ausmaß erreicht, das kaum zu beschreiben ist. Dass es nach dem Erreichen der tiefsten Talsohle nicht zu einem totalen Kollaps in Ghana kam, ist dem Zusammenhalt und der Stärke der ghanaischen Großfamilie zu verdanken. Und den Marktfrauen, die trotz Supermärkten immer ein bestimmender Faktor in der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmittelen waren, auch durch die schwierigsten Jahre hindurch. Die ließen sich weder von putschenden Militärs beeindrucken, noch von geldgierigen Mittelsmännern. Ich bin den ghanaischen Marktmammys überall mit großem Respekt begegnet.

Das Konstruktionslehrbuch ist fertig. Mit meinem Co-Autor Kojo, 1982

Das Konstruktionslehrbuch ist fertig. Mit meinem Co-Autor Kojo, 1982

Trotz aller schweren Stunden konnte ich das geplante Konstruktionslehrbuch verfassen mit Hilfe eines meiner Studenten, der nach erfolgreichem Studienabschluss und Diplom seinen nationalen Dienst bei mir absolvieren durfte. So schafften wir alle Zeichnungen zum Illustrieren des Textes (das digitale Zeitalter war noch nicht angebrochen und Computer gab es auch noch keine) bis zum Ende meines Vertrages mit der Universität und meiner Heimkehr mit dem Manuskript für „Construction Technology for a Tropical Developing Country“ im Gepäck. Meine Ghana Jahre waren damit zu Ende. Es war eine für mein weiteres Leben einzigartig prägende Zeit gewesen, für die ich bis zu meinem letzten Atemzug dankbar bin. Eine größere Bereicherung an Erfahrungen, Wissen und Kenntnissen hätte ich woanders nie erhalten können, darüber bin ich mir jetzt im Rückblick als alter Mensch völlig im Klaren.

Help me oh God - mein Ghana Leitspruch

Help me oh God – mein Ghana Leitspruch

2 Antworten zu In eigener Sache: 22 Jahre Leben und Arbeiten in Ghana. Ein kurzer Rückblick, November 2016

  1. Am 30. Januar 2017 um 13:40 schrieb Ben Diaz:

    Hallo liebe Hannah, ich habe schon viele Seiten deines Blogs mit Begeisterung gelesen. Ich selbst bin 2014 das erste Mal in Ghana gewesen. Da ich auf eigene Faust dorthin gereist bin und mir nicht sicher war was mich dort erwartete hatte ich nur 11 Tage gebucht. Diese hatten natürlich überhaupt nicht gereicht um das Land auch nur annähernd kennenzulernen. Daher bin ich letztes Jahr für 5 Monate bei Ghanaischen Freunden untergekommen.

    Aufgrund deiner Erzählungen, Fotos und Skizzen bin ich dann auch nach Amedzofe gereist. Was soll ich sagen, es war wirklich so schön wie du es beschrieben hast! Eine atemberaubende Aussicht!
    a
    Auch und übrigens, auch heute noch hat sich der Umgang der Ghanaer mit schwierigen Situationen nicht geändert. Auch heute noch bleiben die Ghanaer gelassen und lächeln eine solche Situation einfach weg und machen das beste daraus.

    Großes Kompliment, der Blog ist wirklich gelungen.

    Liebe Grüße Ben

    • Am 30. Januar 2017 um 15:27 schrieb Hannah Schreckenbach:

      Hallo Ben, vielen Dank für deinen netten Kommentar. Jetzt sitze ich an der Überarbeitung meiner Memoiren, die hoffentlich nächstes Jahr dann in zwei Bänden herauskommen. Liebe Grüße von Hannah.

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