Der 16. Januar 1945

Gestern habe ich, wie auch in den Jahren zuvor um 20 Minuten nach 21 Uhr am geöffneten Fenster gestanden und an den 16. Januar vor 69 Jahren gedacht, als die Sirenen heulten, und ich (12½ Jahre alt) mit dem „Bombenalarmtournister“ auf dem Rücken, in dem sich die wichtigsten, mich betreffenden Unterlagen befanden (die letzten Schulzeugnisse, mein Lieblingsbuch – „Die Kinderfarm“ von Ernst Ludwig Cramer – und einmal frische Wäsche, Pullover, Rock und dicke Jacke) in den Luftschutzkeller lief, begleitet von meiner Mutter, Schwester und den anderen Hausbewohnern. Mutter öffnete die Haustür. Draußen war es fast taghell. Es leuchteten die „Christbäume“ am Himmel, die von den Bombern der Alliierten herab geworfen wurden, damit sie darüber ihre Bombenschächte öffnen konnten.

Gestern fiel Nieselregen auf mein Gesicht am offenen Fenster beim Lauschen auf die Glocken aller Kirchen unserer Stadt, die für die Dauer der Bombardierung zum Gedenken an die Tausenden von Toten und die Zerstörung der Altstadt und vieler Stadtteile Magdeburgs läuteten. Auch in unserer Siedlung brannten bei dem Bombenangriff fast alle Häuser ab. Wir verloren alles. Nachbarn gelang es die vor unserem Hauseingang brennenden Phosphorkanister zu entfernen, sodass wir uns nach der „Entwarnung“ aus dem Haus, das in Flammen stand retten konnten. Hinter dem Haus hatte eine Sprengbombe einen tiefen Krater im Garten gerissen und den Hofausgang verschüttet. Eine Luftmine hatte während des Angriffs mit einer ohrenbetäubenden Explosion am Straßenende einen Häuserblock fast gänzlich bis auf etwa 2 m über dem Boden abrasiert. 5 Tote wurden am nächsten Tag aus dem gewaltigen Trümmerberg geborgen. Als die Luftmine explodierte, dachten wir im Luftschutzkeller unser Ende sei gekommen. Wände und Decke wackelten. Wir wurden in Staubwolken eingehüllt. Als wir dann nach der Entwarnung endlich draußen waren, fiel Schnee. Der hat uns vor dem Funkenflug gerettet, der durch die Straßen fegte. Wir haben das Inferno überlebt.

Jedes Jahr wieder versuchen die „Unverbesserlichen“ – Neonazis, von denen keiner ein Zeitzeuge ist, wie ich es (noch) bin – unseren Gedenktag zu missbrauchen. Obwohl damals im Flammenmeer auch meine eigene Kindheit ein drastisches Ende fand, wurde mir nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs klar, wer diesen Krieg mit seinen unvorstellbaren Menschverlusten angezettelt hat. Heute denke ich mit großer Dankbarkeit daran, dass wir mit denen, die Nazideutschland angegriffen hat, seither in Frieden zusammen leben dürfen. Morgen werden Tausende von Magdeburgern auf der „Meile der Demokratie“ in unserer Stadt einen kräftigen Gegenpol bilden zum leider immer wieder genehmigten Neonaziaufmarsch, damit dieser nicht in die Stadt gelangen kann.

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