Brief an Herrn Putin

„Lieber Herr Putin…“, nein, „lieb“ ist er nicht mehr, finde ich, also besser eine andere Anrede:

„Sehr geehrter Herr Putin…“, nein, das geht auch nicht, denn für mich ist er mit seiner Unterstützung der „Volkswehr in Neurussland“, wie sich die Aufständischen in der Ostukraine selbst nennen nicht mehr „geehrt“, also schreiben wir ganz einfach:

„Hallo, Herr Putin,

Im März appellierte ich in einem Blog an Sie mit den Worten „Wir wollen Frieden“, nachdem Sie die Krim geschluckt hatten. Trotz europäischem und amerikanischen Aufschrei, von dem der damals neu gewählten ukrainischen Regierung ganz zu schweigen, deren „Separatisten“ in der Ostukraine Sie zu unterstützen begonnen haben mit Soldaten und Waffen seit deren Abspaltungsversuchen von der Ukraine, trotz aller Dementis Ihrerseits, empfinden Sie anscheinend die von der EU danach verhängten Sanktionen gegen Sie und Ihr Land nur als lästige Mückenstiche. Sie haben von dem dicken Brocken Krim, den Sie verschluckt haben anscheinend nicht einmal Blähungen, geschweige denn Bauchschmerzen bekommen. Alle Appelle an Sie, auch die Merkelschen Telefonchats mit Ihnen in Russisch scheinen gar nichts auszurichten. Ich habe den Eindruck, Sie lachen sich eher über alle Bemühungen der EU und Amerikas ins Fäustchen. Und schieben nach wie vor die Schuld an allem, was in der Ukraine derzeit geschieht auf die „Faschisten“ in Kiew. Die ukrainische Regierung solle endlich mit den Separatisten verhandeln. Das ist Ihre Auffassung, während in der Realität Ihr Expansionismus in einer Art und Weise vorangeht, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treibt bei dem Gedanken an das, was darauf folgen kann.

Dieses Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 zum hundertsten Mal. Schon dieser grausame Krieg hat millionenfachen Tod und Verderben über Europa und auch Ihr Land gebracht. Der in Ihrem Land folgenden Stalin Aera sind wiederum zig Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Das „Tausendjährige Reich“ Hitlers war nach zwölf Jahren zu Ende. Der von Hitlers Armeen begonnene Zweite Weltkrieg, dessen Anfang 1939 sich in diesem Jahr zum 75sten Mal jährt, hat weltweit an die 50 Millionen Menschen das Leben gekostet und in vielen Ländern Europas und Asiens und auch in Ihrem Land unbeschreibliche Verwüstungen und unermessliches Leid angerichtet. Und im Rückblick auf diese, unsere gemeinsam erlebte Vergangenheit träumen Sie vielleicht von einem „Neurussland“? Anstatt Ihre Truppen zurückzuziehen aus der Ukraine und die Aufständischen dort zur Ordnung zu rufen? Die von Ihnen von der ukrainischen Regierung verlangte Waffenruhe muss auch die Separatisten mit einschließen. Davon erwähnen sie aber kein Wort. Wie kann man Ihren Äußerungen überhaupt noch trauen?

Die lächerlichen Äußerungen der Separatisten, dass sich einige an der Grenze stationierten russischen Truppen wohl im Gelände „verirrt“ und dabei fälschlicherweise ukrainisches Territorium betreten hätten, sorgt in der gesamten westlichen Welt nur für Kopfschütteln. Schade, dass einige Ihrer Militärs und Regierungsvertreter derartig hirnverbrannte Feststellungen auch noch wiederholen. Selbst Ihr Ex-Präsident Gorbatschow warnt jetzt vor einem entsetzlichen Blutvergießen, wenn den sich abzeichnenden Entwicklungen in der Ostukraine nicht umgehend Einhalt geboten wird. Ein „Neurussland“, so wie Sie sich das vielleicht herbeisehnen mögen, kann dafür allerdings keine Voraussetzung sein. Ziehen Sie bitte wieder die Ihnen passenden Schuhe an und Ihre Truppen und Panzer aus der Ostukraine zurück!“

Ein Journalist in meiner Familie äußerte seine Auffassung nach der Besetzung der Krim durch Russland. Er meinte, das sei erst der Anfang. Herr Putin würde die Ostukraine bis spätestens Weihnachten dieses Jahres Russland einverleiben. Davor möge uns menschliche Vernunft (einschließlich der von Herrn Putin) und Gott bewahren.

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