25 Jahre Maueröffnung in Berlin

Am 9. November 1989 wurde das Ende der DDR eingeläutet. Die Mauer- und Grenzöffnung in Berlin in den Abendstunden, die letztendlich zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und im gesamten „Ostblock“ zu tiefgreifenden Änderungen führte, empfinde ich auch heute noch immer wie ein Wunder. Und der Ruf aus vielen Kehlen „Wir sind das Volk“ der friedlichen Revolution davor hallt auch heute noch in den Ohren vieler Politiker und Parteigenossen aller Couleur in West und Ost, Süd und Nord in ihren Ohren nach. Soll es auch!

Ich hörte diesen Ruf und dazu die Chöre „Wir wollen raus“ aus einem ziemlich quäkenden Transistorradio, mit dem mich die Leiterin des GTZ-Gästehauses in Gaborone frühmorgens am 10. November 1989 weckte, als ich mich auf einer Dienstreise in Botswana befand. Im Radio berichtete der englische Nachrichtensender BBC über den Fall der Mauer und die Öffnung der Grenze in Berlin in den Abendstunden am Tag davor und von den Jubelfeiern die ganze Nacht über. Ich versuchte zu verstehen, was da vor sich ging und wollte es einfach nicht glauben. Bis wir endlich die „Deutsche Welle“ fanden und dort in den Morgennachrichten über die Ereignisse in Berlin informiert wurden. Fassungslos hörte ich im Hintergrund der Reportage immer wieder den Ruf „Die Mauer ist gefallen“. Es war tatsächlich geschehen. Der Grenzwall zwischen den beiden deutschen Staaten war durchbrochen worden. Ost- und Westdeutsche lagen sich in den Armen. Ich war überwältigt und brach in Tränen aus.

Denn was das für mich bedeutete, das wurde mir erst viel später klar. Keine fiesen und meistens auch recht unfreundliche Kontrollen mehr bei der Ein- und Ausreise in die und aus der DDR in Marienborn, oder bei den Fahrten nach Westberlin, wenn ich dort, als ich noch in Ghana arbeitete, zur Bundesbaudirektion fuhr während eines Urlaubs. Kein Zittern mehr vor Angst, dass die DDR-Grenzer den versteckten „Spiegel“ für meinen Schwager im Auto fanden! Kein Zwangsumtausch mehr meiner hart verdienten D-Mark in Ostmark für jeden Tag Aufenthalt dort (DM 25,00!). Keine großen Stempel mehr im bundesdeutschen Reisepass, der von diesen schnell voll wurde (mehrere „volle“ Pässe habe ich als Andenken aufgehoben), denn ich besuchte meine Mutter und Schwester mit ihrer Familie in Magdeburg doch regelmäßig nach meiner Rückkehr aus Ghana und schon vorher während meiner Urlaube aus dem westafrikanischen Land. Das alles gab es nun nicht mehr, und ich konnte, wann immer ich wollte von Darmstadt, wo ich nach meiner Rückkehr aus Ghana wohnte nach Magdeburg zu meiner Familie fahren.

Ich musste am 10. November 1989 von Botswana nach Kenia weiter fliegen und hatte für den Flug eine Maschine der Air Malawi gebucht, die von Botswana mit Zwischenstopp in Zimbabwe nach Nairobi flog. Als wir die Flughöhe erreicht hatten, kam der Captain aus dem Cockpit. Der große, stattliche Setswana Mann mit braunen Kulleraugen fragte ob deutsche Passagiere an Bord seien. Ich war die einzige Deutsche im Flieger. Er gratulierte mir mit festem Handschlag und einer Umarmung zur deutschen Einheit („Your country is now united again…“), was ja noch gar nicht passiert war, aber was bei mir den nächsten Tränenstrom auslöste. Das mir dann angebotene Glas Sekt hat mich fast umgeworfen. Auch in Nairobi wurde den ganzen restlichen Tag danach mit meinen afrikanischen Partnern und einem deutschen Gutachter, den das genauso mitgenommen hat wie mich weitergefeiert.

Die meisten Afrikaner, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben nie verstanden, wie es möglich war, ein Land wie Deutschland so zu teilen, dass jeglicher Versuch die von der DDR im August 1961 um Westberlin errichtete Mauer und die ausgebauten Grenzanlagen zwischen den beiden deutschen Staaten zu überwinden meistens tödlich endete. Denn für die DDR bedeutete das eine „Grenzverletzung“, und es wurde auf den Flüchtling scharf geschossen. Mauer und Grenze forderten über 1000 Todesopfer.

Zur Erinnerung an die Toten an der Mauer in Westberlin, 1973

Zur Erinnerung an die Toten an der Mauer in Westberlin, 1973

Die Afrikaner meinten, wir würden doch die gleiche Sprache sprechen. Wir hätten doch die gleiche Kultur, die gleiche Geschichte und die gleichen Ahnen (die Herkunft ist außerordentlich wichtig für einen Afrikaner). Als ich in Ghana an der Universität in Kumasi Baukonstruktion lehrte, ließ ich mir von den Studenten des ersten Studienjahres einmal die nach ihrer Meinung teuersten Gebäude oder Projekte in der Welt aufzeichnen, um festzustellen, ob sie in der Lage sind freihändig zu skizzieren. Sie waren immer höchst überrascht, wenn ich ihnen dann die ungefähren Kosten der DDR-Grenzanlagen (als teuerstes Projekt der Welt!) benannte, die alles von ihnen Aufgezeichnete, vom Eifelturm in Paris, über den riesigen Fernsehturm in Moskau oder die ägyptischen Pyramiden bis hin zur Golden Gate Bridge in San Francisco, usw. bei weitem übertraf.

Als Information genau passend zu diesen Feststellungen erschien ein Artikel in der „Volksstimme“ am 8. November. Darin gibt der Publizist Peter Joachim Lapp Auskunft über die Ausmaße der „Todesgrenze“: Länge: 1.378 km, davon 155 Kilometer Mauer aus Betonblöcken oder Betonelementen- 3 bis 4 Meter hoch – um Westberlin); etwa 60.000 Selbstschussanlagen; Minensperren auf etwa 800 km; 529 Beobachtungstürme; etwa 890 in der Grenzanlage patroullierende Wachhunde mit etwa bis zu 30.000 Grenzsoldaten. Und die Planung beinhaltete weitere gigantische Ausgaben über das Jahr 2000 hinaus für neue Alarmsysteme, Infrarotanlagen, Vibratiosnmelder, neue Scheinwerfer, usw., um die Grenze „noch sicherer“ zu machen.

Blick auf die deutsch-deutsche Grenze, 1978

Blick auf die deutsch-deutsche Grenze, 1978

Viel ist in den vergangenen Monaten über die Geschehnisse am 9. November 1989 geschrieben worden in unseren Zeitungen und Zeitschriften. Zahlreiche Rückblicke wurden von den verschiedenen Fernsehsendern ausgestrahlt und befassten sich mit den Ereignissen, die zum Fall der Mauer und zur Öffnung der Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR geführt haben. Und Vieles beschäftigte sich auch mit dem, was danach kam und teilweise bis heute noch nachwirkt. So blickt unsere Lokalzeitung (die „Magdeburger Volksstimme“ – www.volksstimme.de) u.a. auf die „Nachwirkungen einer Revolution“ und listet als „Ostalgie“ auf, was von der DDR übrig blieb (vom von mir geliebten „Ampelmännchen“ über die leckeren „Halloren Kugeln“ bis zur ostdeutschen Umgangssprache – „Datsche“, „Broiler“, „Plaste“, usw.). Sehr interessant sind die „25 Fehler, die wir bei der nächsten Wiedervereinigung vermeiden sollten“, die im „Cicero“, dem Magazin für politische Kultur (www.cicero.de) von Petra Sorge und Christoph Seils in der November Ausgabe beschrieben wurden. Ihre Anmerkungen über das, was bei der Wiedervereinigung schief lief teile ich fast gänzlich. Das durch die hastige „Abwicklung“ von rund 8500 volkseigenen Betrieben entstandene „Milliardengrab“ hat zu großem Leid auch in meiner eigenen Familie geführt.  Mein Schwager, ein (parteiloser) Abteilungsleiter in einer Spezialgießerei (mit vollen Auftragsbüchern) wurde „abgewickelt“ und in den Frühruhestand geschickt. Auch die Kinder meiner Schwester, beides Bauingenieure, verloren ihren Job. Aus ihrem Baukombinat hat sich ein westdeutscher Unternehmer die Rosinen herausgepickt. Die für die Abwicklung zuständige Treuhandgesellschaft wurde von vielen Betroffenen im Osten zu Recht verteufelt. Von den westdeutschen Firmen (im Cicero wird hier von „Gaunern“ gesprochen), die sich dabei nicht nur geringfügig, sondern in großem Stil gesund gestoßen haben, will ich gar nicht reden. Auch nicht von den teilweise doch reichlich unfähigen westdeutschen Staatsdienern, die da plötzlich erfahrene und hoch qualifizierte ostdeutsche Technokraten in den oberen Führungsetagen von Verwaltungen, Universitäten, usw. abgelöst haben. Es gibt so Vieles aus den Jahren des radikalen Umbruchs nach der schnellen Wende ab 1990, das im Leben unserer älteren ostdeutschen Landsleute heute noch nachwirkt und was auch noch immer einen bitteren Nachgeschmack bei mir hinterlässt, wenn ich daran denke.

Deswegen kann ich auch verstehen, weshalb die meisten Ostdeutschen ihre alte Heimat sehr differenziert bewerten (siehe gerade abgeschlossene Allensbach-Umfrage im Auftrag ostdeutscher Tageszeitungen) und der DDR nach wie vor Kredit geben (z.B. für Jobsicherheit, stabile und „normale“ Mieten, Kinderbetreuung, Gleichberechtigung von Mann und Frau). Die Umbrucherfahrungen der Wendezeit werden noch länger nachwirken. Um sie leichter abfedern zu können, bedarf es nach meiner Auffassung auch einer besseren Aufarbeitung der SED-Diktatur in unseren Schulen (Fehler Nr. 23 im Cicereo). Die gegenwärtig hitzig geführte Auseinandersetzung über die Bezeichnung der DDR als „Unrechtsstaat“ (von der Links Partei nach wie vor abgelehnt) bestätigt das.

Für mich ist der 9. November der eigentliche Tag der Wiedervereinigung, den ich ganz still allein feiern werde. Das Wunder des Mauerfalls und der Grenzöffnung, an das ich davor nie im Leben geglaubt hätte, ist für mich immer noch ein Geschenk, für das ich von ganzem Herzen den Menschen dankbar bin, die das mit ihrer friedlichen Revolution – „Wir sind das Volk“ – bewirkt haben. Alle Nachwirkungen und entstandenes Leid und Bitternis durch den Umbruch nach der Wende werden sicherlich für die Generationen nach uns nicht mehr wichtig sein. Denn diese leben bereits schon viel bewusster in der Freiheit einer Demokratie ohne staatliche Zwänge, Überwachung und Kontrollen.

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